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Meine Lese-Highlights in diesem Jahr: “Irgendwann werden wir uns alles erzählen” von Daniela Krien, “Ein ganzes Leben” von Robert Seethaler sowie “Unter der Drachenwand” von Arno Geiger. Gefragt nach einem unterhaltsamen Buch, würde ich nach diesem Lesejahr Lucy Frickes “Töchter” empfehlen.

Hier nun die komplette Liste (ohne jene Bücher, die ich enttäuscht abgebrochen habe):

Raymond Carver: Von wo ich anrufe
Früher habe ich fast nur Romane gelesen. Inzwischen aber — ausgelöst durch Alice Munro — faszinieren mich Kurzgeschichten immer mehr, zumal wenn sich kein Wort zu viel darin findet.
Zu den “Altmeistern” der American Short Stories gehört Raymond Carver, bekannt für seinen minimalistischen Stil, der aber letztlich seinem Lektor Gordon Lish zuzuschreiben ist. Dieser kürzte Carvers Geschichten mitunter um siebzig Prozent. War Carver seinem Lektor anfangs sehr dankbar, so wurde ihr Verhältnis mit der Zeit immer schwieriger. Den Erzählband “Von wo ich anrufe” hat Carver kurz vor seinem Tod selbst zusammengestellt. Er enthält auch drei Kurzgeschichten in seiner originalen, also unlektorierten Form. (Erschienen bei Fischer Klassik.)

Silvio Huonder: Wieder ein Jahr, abends am See
Noch ein empfehlenswerter Erzählband. Was Silvio Huonders Kurzgeschichten so besonders macht: Sie sind spannend! Und den Titel dieses Buches finde ich ganz wunderbar. (Erschienen bei Nagel & Kimche.)

Albert Camus: Der Fremde
Habe ich nach etwa zwanzig Jahren mal wieder gelesen – und diesmal war ich wohl noch beeindruckter als damals von dieser kühlen, kühlen Sprache. (Erschienen bei Rowohlt.)

Grund fürs Wiederlesen war folgendes Buch:

Kamel Daoud: Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung
Camus’ Protagonist Meursault tötet am Strand einen Mann. Der algerische Autor Kamel Daoud nun verleiht diesem Namenlosen eine Stimme: Der Bruder des Getöteten berichtet, wie es ihm und seiner Mutter seit dem Tod des Bruders erging.
Er ist voller Wut sowohl auf den Mörder wie den Erzähler mit seiner “perfekten Sprache”, der es nicht für nötig hielt, mehr über das Opfer, mehr über seinen Bruder zu erzählen. In “Der Fremde” ist immer bloß von “der Araber” die Rede.

“Es ist der Franzose, der da den Toten spielt und sich lang und breit darüber auslässt, wie er seine Mutter verloren hat, wie er dann seinen Körper unter der heißen Sonne verloren hat, dann den Körper einer Geliebten verloren hat, dann in die Kirche gegangen ist, um festzustellen, dass der Mensch sowieso von seinem Gott verlassen wurde, dann vor dem Leichnam seiner Mutter gewacht und sich mühsam wachgehalten hat usw. Guter Gott, wie kann man jemanden nur umbringen und dann auch noch seines Todes berauben?”

Ein beeindruckendes literarisches Spiel! (Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch.)

Peter Stamm: Agnes
Im Februar war ich auf der Vernissage von Peter Stamms neuem Roman “Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt” (der Titel ist übrigens hergeleitet aus “Der Fremde”). Dort wurde so viel über Stamms Erstling gesprochen, dass ich “Agnes” nun unbedingt einmal lesen wollte.
Der Ich-Erzähler, ein Schriftsteller, berichtet über seine Liebesbeziehung zu Agnes: Parallel zu ihrem Verhältnis schreibt er über Agnes, bis die (fiktive) Realität und die (fiktive) Fiktion immer mehr verschwimmen. Ein Weglesebuch. (Erschienen im S. Fischer Verlag.)

Leander Steinkopf: Stadt der Feen und Wünsche
Drei Tage lang spaziert der Ich-Erzähler durch Berlin, fährt U-Bahn, geht auf Parties, trinkt Kaffee, trinkt Bier. Zu tun hat er nichts. Dafür ist sein Blick auf die Stadt, der, wie er meint, zwischen pfandsammelnden Obdachlosen und vegan-essenden Hipstern die Mitte fehlt (erst recht in Mitte), umso kritischer.
Der Text hat mich sehr beeindruckt: Zum Einen inhaltlich, da der Erzähler mit seinem Zynismus einen Nerv bei mir trifft (ich bin ohnehin kein Berlin-Fan), vor allem aber stilistisch. Leander Steinkopf liefert scharfe Momentaufnahmen und perfekt sitzende Sprachbilder. Man spaziert einfach mit ihm mit durch den Hauptstadtwahnsinn. (Erschienen bei Hanser Berlin; ausführlichere Rezension von mir in NZZ-Bücher am Sonntag, Seite 8.)

Charlie English: Die Bücherschmuggler von Timbuktu
Am 28. Januar 2013 machte eine traurige Nachricht aus der malischen Oasenstadt Timbuktu die Runde: Auf der Flucht vor französischen Streitkräften haben Islamisten das Ahmed-Baba-Institut in Brand gesteckt. Die im Gebäude aufbewahrten altertümlichen Handschriften seien zerstört, teilte der Bürgermeister mit. Das ganze Ausmaß könne er noch nicht absehen, doch die Situation sei “dramatisch”.
Bekannt als Timbuktus Kulturschatz, lagerten Tausende von Manuskripten im Ahmed-Baba-Institut, einige von ihnen 600 Jahre alt, darunter vor allem Texte religiöser Natur, Geschichtschroniken oder Abhandlungen zu Fragen des Rechts, der Mathematik, Astronomie, Biologie und Medizin. Was damals kaum einer – nicht einmal der Bürgermeister – wusste: Fast der gesamte Inhalt des Ahmed-Baba-Archivs, wie auch die zahlreichen Sammlungen aus Privathäusern und anderen Bibliotheken befanden sich zum Zeitpunkt des Brandes nicht mehr in der Stadt. Eine Gruppe von Bibliothekaren und Archivaren hatte sie in Sicherheit gebracht. So hielt sich dann auch der Schaden beim Brand des Ahmed-Baba-Instituts in Grenzen.
Als Charlie English davon hörte, gab er seine Stelle als Leiter des Auslandressorts beim “Guardian” auf. Schon als junger Mann war er fasziniert gewesen von Timbuktu und den Sagen, die sich um die Gelehrtenstadt mit dem klangvollen Namen ranken. Nun wollte er die Rettungsaktion rekonstruieren. Das 432 Seiten starke Ergebnis heißt “Die Bücherschmuggler von Timbuktu”. Anekdotenreich und sehr lebendig spannt English einen Bogen vom Inhalt der Handschriften, der zurückreicht bis in die Siedlungsursprünge der Subsahara-Region, über die Kolonialzeit bis in die politischen Wirren in Mali heute. Eine spannende Lese-Expedition – die damit endet, dass die mythenreiche Geschichte Timbuktus nunmehr um einen Mythos reicher ist. (Erschienen bei Hoffmann und Campe; ausführlichere Rezension von mir in NZZ-Bücher am Sonntag, Seite 22. )

Johann Scheerer: Wir sind dann wohl die Angehörigen
Am Morgen des 25. März 1996 wurde Johann Scheerer von seiner Mutter geweckt. “Ich tat, als ob ich noch schliefe, ließ sie meinen Rücken streicheln und genoss die paar Sekunden, die ich noch hatte, bevor ich mich anziehen und in die Schule musste. Ich war Ende des vergangenen Jahres dreizehn geworden, Körperlichkeit zwischen meinen Eltern und mir war selten. Der Dämmerschlaf dieser morgendlichen Augenblicke erlaubte es mir, mich nicht gegen die Hand meiner Mutter zu wehren.”
Auf die Berührungen der Mutter folgten ihre Worte. Möglichst kindgerecht versuchte sie, dem Sohn beizubringen, dass sein Vater entführt worden ist. Sein Vater ist Jan Philipp Reemtsma: Literaturwissenschaftler, Sozialforscher, Mäzen und Multimillionär. Erst nach 33 Tagen, während denen er in einem Keller eingesperrt und an die Wand gekettet war, kam er frei.
Seine Erlebnisse hat Jan Philipp Reemtsma in dem Buch “Im Keller” festgehalten, das 1997 erschien. Bereichert wird dieser Bericht jetzt, zwei Jahrzehnte später, um die Perspektive des Sohns: In “Wir sind dann wohl die Angehörigen” beschreibt er das Warten, das Herausgeworfensein aus dem Alltag, die Langeweile – und die Angst um den Vater, die der pubertierende Dreizehnjährige umso schlechter einordnen konnte; war er doch gerade dabei, Abstand zu suchen. Abstand zu dem intellektuellen Übervater, der jeden sprachlichen Lapsus monierte (“Eine Aufgabe war nicht schwer, sondern schwierig.”) und selbst zum Skifahren ein Reclam-Heft mitnahm, um die Minuten in der Gondel oder im Ankerlift sinnvoll zu nutzen.
Scheerers berührendes Buch lässt sich als Vieles lesen: als zeitgeschichtliches Dokument dieses Verbrechens zum Beispiel oder als Coming-of-Age-Roman. Eine Liebeserklärung an den Vater bleibt es letztlich immer. (Erschienen bei Piper; Rezension von mir in NZZ-Bücher am Sonntag, S. 18.)

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann
Eine Liebesgeschichte, eine Dorfgeschichte, die damit beginnt, dass die alte Frau Selma von einem Okapi träumt. Und immer, wenn sie von einem Okapi träumt, stirbt am nächsten Tag jemand aus ihrer Umgebung.
Das Buch hat sehr gute Kritiken bekommen, stand mehrere Wochen lang auf der “Spiegel”-Bestsellerliste und wurde von Buchhändlern zum „Lieblingsbuch der Unabhängigen“ gekürt. Deshalb hatte ich erwartet, in einen “Nicht-mehr-Weglegen”-Sog zu geraten. War dann aber nicht so. Ich bin mit der Motiv-Welt (Okapi, Westerwald, buddhistischer Mönch, etc.) nicht warmgeworden, oftmals fand ich es redundant, und mich hat auch die Erzählperspektive nicht überzeugt. Denn die Ich-Erzählerin, Selmas Enkelin Luise, beschreibt selbst dann noch, was um sie herum passiert, wenn sie schläft oder gar nicht dabei ist. Sehr berührt allerdings hat mich die Beziehung zwischen Großmutter und Enkelin, die Mariana Leky da gezeichnet hat. (Erschienen bei DuMont.)

Charles Lewinsky: Melnitz
Da war er dann: der Schmöker. In “Melnitz” erzählt Charles Lewinsky das Schicksal einer jüdischen Familie in der Schweiz über fünf Generationen hinweg; von 1871 bis 1946. Eine ganz wunderbare Familiensaga, mitreißend und dabei ohne Effekthascherei.
Zunächst hatte mich der Wiedergänger, der verstorbene Onkel Melnitz, der immer wieder auftaucht, ein wenig gestört. Aber das letzte Kapitel überzeugte mich dann restlos von dessen Notwendigkeit.
Ein Buch, das ich fortan jedem, der nach Lektüretipps fragt, empfehlen werde. (Erschienen bei Nagel & Kimche; bei dtv auch als Taschenbuch erhältlich.)

Alexa Hennig von Lange: Kampfsterne
Die Achtzigerjahre der Bundesrepublik. Eine Siedlung am Rande der Stadt. Drei Elternpaare. Väter, die sich zurückziehen. Mütter, die ihre Kinder zum Cello-Unterricht und zu Intelligenztests jagen und auf perfide Weise versuchen, die Freundschaften ihrer Kinder zu beeinflussen.
Unnötig zu sagen, dass in diesem Rahmen niemand sein Glück findet.
Was mich als situative Grundanlage interessiert hatte, hat mich dann im Text nicht überzeugt. Die Handlung wird jeweils in Ich-Form aus verschiedenen Perspektiven vorangetrieben. Mal spricht eines der Kinder, mal eine Mutter, mal ein Vater. Das sorgt zwar für Kurzweiligkeit, aber der Stil hält diesem Aufbau nicht stand. Denn der Ton ändert sich nie. Mit dem Personenwechsel müsste jeweils auch die Sprache variieren, was sie nur wenig tut. Und so klingen beispielsweise viele Formulierungen der Kinder alles andere als kindlich. Ebensowenig erscheinen mir die Einsichten und Selbstreflexionen der Erwachsenen glaubhaft; sie nehmen mir als Leserin bloß das Denken ab, das ich gerne selbst übernommen hätte. (Erschienen bei Dumont.)

Arno Geiger: Unter der Drachenwand
1944. Der Soldat Veit kehrt verwundet aus Russland nach Österreich zurück und verbringt seinen “Urlaub” in der Ortschaft Mondsee. Regelmäßig befallen ihn Panikattacken, er fürchtet sich davor, zurück an die Front zu müssen. Und doch gibt es inmitten des Krieges noch so etwas wie Normalität. Er schafft es sogar, sich zu verlieben.
“Unter der Drachenwand” ist eines der beeindruckendsten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Mit einigen Besonderheiten gespickt – etwa Schrägstrichen zur Rhythmisierung oder Überschriften, die in den folgenden Text übergehen – wird der Text wirklich etwas Besonderes. Eingeflochtene Briefe sorgen für Abwechslung im Lesefluss. Und man erfährt viel über den Alltag in dieser Zeit; Geiger schreibt aber nie so, dass man die Recherchearbeit, die in dem Buch steckt, heraushören würde. Wirklich wunderbar gemacht. Die literarische Aufarbeitung des “Dritten Reichs” ist also längst nicht abgeschlossen. (Erschienen bei Hanser.)

Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe
Ein spannendes Setting: Baba Dunja ist eine Tschernobyl-Heimkehrerin. Ihre letzten Tage möchte die alte Frau in ihrem eigenen Haus verbringen, nicht in irgendeinem zugewiesenen Plattenbau. Dass der Ort in der Todeszone liegt und alles verstrahlt ist, ist ihr auf ihre alten Tage egal. Den anderen Dorfbewohnern auch, mit denen Baba Dunja in einer beinahe hippie-artig anmutenden Gemeinschaft lebt.
Die Protagonistin war mir auf Anhieb sympathisch, und ich habe das Buch wirklich gerne gelesen, auch wenn mich der Plot nicht ganz überzeugt hat. Die leichte Sprache trägt einen wunderbar durch. (Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch.)

Ferdinand von Schirach: Strafe
Zwölf Fall-Geschichten, wie immer bei von Schirach: bravourös erzählt, nämlich nüchtern, kühl (ich meine, sogar noch kühler, noch elliptischer als früher) und dabei voller Empathie und Liebe zum Menschen.
Ich kann von seinen Stories nicht genug bekommen. Lesetipp! (Erschienen bei Luchterhand.)

Lucy Fricke: Töchter
“Na, dann wollen wir mal!” Eine Road-Novel zweier Frauen, Martha und Betty, beide in den Vierzigern, beide mit dem Abschied von ihren Vätern beschäftigt.
Marthas Vater sitzt auf der Rückbank des VW-Golfs; (angeblich) will er zum Sterben in die Schweiz. Bettys Stiefvater ist (angeblich) bereits tot, und sie zögert es seit Jahren hinaus, sein Grab in Italien zu besuchen. Es wird also Zeit, das zu erledigen.
“Töchter” ist ein tragikomisches, sehr unterhaltsames Buch. Was Lucy Fricke besonders gut kann: Gefühlsregungen zerlegen, ihnen auf den Grund gehen und damit in die Tiefe. Das macht den Text so berührend. Würde mich sehr wundern, wenn die Filmrechte am Werk noch nicht verkauft sind. (Erschienen bei Rowohlt.)

Lina Muzur (Hg.): Sagte sie
Ich kann mich furchtbar ärgern, wenn ich ein Buchcover misslungen finde. Und wahnsinnig freuen, wenn es toll geraten ist. Bei “Sagte sie” ist letzteres der Fall. Ein Grafik-Spiel mit Schrift und Farben, zu dem der stabile, matte Papp-Einband wunderbar passt. Und so hielt ich das Buch wirklich gerne in der Hand. Genauso gerne habe ich es auch gelesen.


Die “17 Erzählungen über Sex und Macht” sind in Literatur gegossene “Me-too”-Fälle, verfasst ausschließlich von Autorinnen, darunter Antonia Baum, Helene Hegemann und Mercedes Lauenstein. Meine Erwartungen waren, zugegeben, recht niedrig; ich hatte mir keine neuen Erkenntnisse erwartet. Beim Lesen wurde mir dann klar, dass es diese auch nicht braucht, dass es aber wichtig ist, Frauenperspektiven zu hören und zu lesen. Die Texte zielen nicht ab auf eine intellektuelle Einordnung der Geschlechterverhältnisse, sondern docken mit ihrer Literarizität direkt an den Gefühlen an, die der Ist-Zustand auslöst. Ganz besonders gut ist das Julia Wolf in ihrer beklemmenden Kurzgeschichte gelungen.
(Erschienen bei Hanser-Berlin.)

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben
Ein schmaler Roman für ein ganzes Leben: das des Hilfsknechts Andreas Egger, der zwar hinkt, aber am Berg gerade steht. Unaufgeregt, leise und mit Mut zum Weglassen hat Robert Seethaler diesen Text geschrieben. Ideale – und sehr empfehlenswerte – Lektüre für einen Aufenthalt in den Alpen. (Erschienen bei Hanser Berlin.)

Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen
Der Roman der norwegischen Autorin Maja Lunde ist ein Bestseller. In der Tat liest er sich gut weg, und ich bin froh, dass ein Buch, das die Folgen des Klimawandels thematisiert, so gut ankommt und vielleicht auch einige Menschen sensibilisiert. In alternierenden Kapiteln werden die Geschichten eines englischen Naturwissenschaftlers (im Jahr 1852), eines Imkers in den USA (2007) und – in der Zukunft im Jahr 2098 angesiedelt – Taos erzählt, einer Chinesin, die Obstbäume von Hand bestäubt, weil es keine Bienen mehr gibt.
Ein raffinierter Aufbau, durch den das Buch nie langweilig wird. Dennoch hat es mich nicht überzeugt. Ich wusste zu oft schon vorher, was passiert. Insbesondere der in der Zukunft angesiedelte Strang war mir in seiner Dystopie zu simpel, unglaubwürdig und an den Stellen, wo Vergangenes referiert wurde, auch schlecht erzählt. (Erschienen bei btb.)

Malte Herwig: Die Frau, die nein sagt
Françoise Gilot war die einzige Frau, die nicht von Pablo Picasso verlassen wurde, sondern die ihn verließ.
Der Journalist Malte Herwig beschreibt in “Die Frau, die nein sagt” seine beeindruckenden Begegnungen mit Gilot. Noch immer malt die nunmehr 97-Jährige jeden Tag in ihren Ateliers in New York und Paris. Sie hat es geschafft, ein eigenes Leben zu leben und keine Verbitterung gegenüber Picasso aufkeimen zu lassen, obwohl dieser nach der Trennung allerhand unternahm, um ihr das Leben schwerzumachen. So hatte er sämtlichen Pariser Galerien untersagt, Gilots Werke auszustellen; anderenfalls würden sie nie wieder ein Bild von ihm bekommen. (Erschienen im Ankerherz Verlag.)

Daniela Krien: Irgendwann werden wir uns alles erzählen
Ich weiß gar nicht, wieso ich erst jetzt auf diesen Roman gestoßen bin, der bei seinem Erscheinen im Jahr 2012 sofort und völlig zu recht ein großer Erfolg wurde. Das Buch ist beeindruckend. Wer in einer solch klaren Sprache schreibt, wie Daniela Krien es hier getan hat, der hat auch nichts, wohinter er sich zu verstecken versucht.
Thema ist die Beziehung der 17-jährigen Maria zu dem 40-jährigen Henner. Beide leben in einem Dorf nahe der deutsch-deutschen Grenze, die keine mehr ist, weil die Handlung im Sommer 1990 spielt. Erzählt wird in Ich-Form aus der Perspektive Marias, die mit einer Mischung aus Naivität und Weitblick spricht, die sich bei mir wiederum zu einer Mischung aus Sympathie und Beklemmung verwoben hat.
Ich habe es hinausgezögert, die letzten 30 Seiten zu lesen, weil ich gar nicht wollte, dass mich dieses Buch schon wieder verlässt. So gut! (Als Taschenbuch erschienen bei List.)

Lisa Brennan-Jobs: Beifang
Dieses Buch habe ich für die «NZZ-Bücher am Sonntag» rezensiert:
Ständig geht es ums Geld: Ihre Mutter, bei der sie lebt, hat keines. Ihr Vater hingegen, Apple-Gründer Steve Jobs, ist dabei, reicher und reicher und schließlich einer der reichsten Menschen überhaupt zu werden.
Mit dieser Ambivalenz also wächst Lisa Brennan-Jobs auf. Die Mutter hat sich vor Lisas Geburt 1978 von Steve Jobs getrennt; um Unterhalt muss sie ihn anflehen. Erst infolge eines Gerichtsprozesses samt DNA-Test zahlt er. Aber auch danach streitet er die Vaterschaft noch lange ab. Im Laufe ihrer Kindheit findet zwar doch noch eine Annäherung statt. Vater und Tochter gehen zusammen rollschuhlaufen, und einige Male übernachtet sie in seinem “gewaltig hallenden, leeren Haus”. Doch es hat stets etwas Beklemmendes, die Passagen zu lesen, in denen Lisa Brennan-Jobs die Begegnungen mit ihrem Vater schildert.
Sie will ihrem Vater gefallen, weiß aber nie, woran sie bei ihm ist. Mal entschuldigt er sich und bedauert die Zeit, in der er sie verleugnet hat. Kurz darauf ist er wieder wortkarg und kalt; dann lässt er sie nicht mit aufs Familienfoto mit seinen ehelich geborenen Kindern oder weigert sich, ihr abends (In den letzten Highschool-Jahren wohnt sie eine Zeitlang bei ihm.) “Gute Nacht” zu sagen, obwohl sie darum bittet. Einmal erklärt er ihr: “Du hast keine vermarktbaren Fähigkeiten.”
Eine vermarktbare Biographie allerdings, die hat sie. Der Verlag bewirbt Lisa Brennan-Jobs’ Erinnerungsbuch hierzulande mit dem Untertitel “Eine Kindheit wie ein Roman”. Davon, die Tochter eines Genies zu sein, das die Welt verändert hat, einmal abgesehen – das Romanhafte an diesem Buch ist die Tragik dieser Vater-Tochter-Beziehung: Das Kind buhlt um Liebe. Szene für Szene hofft man mit ihm, dass die Situation nicht wieder in einer Enttäuschung enden möge.
Mit einer ambitionierten Straffung des Texts hätte Brennan-Jobs dabei für noch mehr Spannung sorgen können. Dennoch ist es das interessante Psychogramm einer Tochter, die sich an der Unfähigkeit ihres Vaters zur Empathie abarbeitet. Kein Wunder, dass Steve Jobs’ Ehefrau, seine drei weiteren Kinder und seine Schwester nach Erscheinen des Buchs in der New York Times erklären ließen: “Lisas Erinnerungen unterscheiden sich enorm von unseren. Sie hat nicht den Ehemann und Vater portraitiert, den wir kannten.” Lisa Brennan-Jobs’ Mutter hingegen behauptet: “Es war alles noch viel schlimmer, als es in dem Buch steht.” (Erschienen im Berlin-Verlag.)

Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall
Das Buch kommt erst im Februar 2019 in die Läden, deshalb darf ich es vorher nicht “besprechen”. Der Vollständigkeit halber führe ich es hier trotzdem auf. (Erscheint bei Diogenes.)

Delphine de Vigan: Loyalitäten
Noch ein aufwühlendes Buch zum Jahresende: In “Loyalitäten” geht es um Théo, zwölf Jahre alt — und Alkoholiker. Aus jeweils unterschiedlichen Perspektiven geschrieben, ist dieser Roman nicht zuletzt eine kurzweilige Lektüre. Delphine de Vigan ist es gelungen, den unglücklichen Weg des Jungen und das Versagen seines Umfelds schlüssig und mitreißend zu beschreiben. Nur mit dem sperrigen Titel mochte ich mich bis zuletzt nicht anfreunden. (Erschienen bei Dumont.)

Achim Haug: Reisen in die Welt des Wahns
Meine Weihnachtslektüre: ein Rezensionsexemplar des neuen Werks von Achim Haug, Professor em. für Psychiatrie an der Universität Zürich. Da noch nicht publiziert, darf ich noch nichts über dieses Buch schreiben. In dieser Liste soll es dennoch nicht fehlen. Und dass es sehr lesenswert ist, will ich auch schon verraten. (Erscheint Ende Januar 2019 bei C.H.Beck.)

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