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Gerade habe ich nachgezählt: Auf meiner diesjährigen Leseliste stehen genauso viele Bücher wie auf der von 2016. 2017 ist es allerdings seltener vorgekommen, dass ich ein Buch angefangen und wieder weggelegt habe.
Drei Bücher, die ich besonders empfehlen möchte: “Kukolka” von Lana Lux, “Treideln” von Juli Zeh und der von Matthias Jügler herausgegebene Sammelband “Wie wir leben wollen. Texte für Solidarität und Freiheit”.
“Kukolka”, traurig, spannend und berührend, habe ich verschlungen, wie es so schön heißt. “Treideln” hat mich genau in der richtigen Schreib- und Lebensphase erreicht. Und “Wie wir leben wollen” ist ein Buch, für dessen Existenz ich schlichtweg dankbar bin.

Hier nun die Liste:
Sabine Bode: Kriegsenkel
Anhand von Fallbeispielen geht die Journalistin Sabine Bode der Frage nach, wie die NS-Vergangenheit bei der Generation der zwischen 1960 und 1975 Geborenen bis heute nachwirkt. Also bei den Kindern jener, die während es Zweiten Weltkriegs noch Kinder waren und ihre Erlebnisse nie aufarbeiten konnten, weil es hieß, “Sei froh, dass du überlebt hast”, oder weil sie gar keine bewusste Erinnerung an diese Zeit haben. Haben diese Eltern ihre verbogenen Traumata an die Kinder weitergegeben?
Mich haben nicht alle Beispiele in dem Buch überzeugt, in denen die Probleme der Protagonisten bei ihrer Alltagsbewältigung auf die NS-Last zurückgeführt werden. Und ich hätte mir auch den einen oder anderen Fall aus Ostdeutschland gewünscht. Trotzdem glaube ich, dass in vielen Familien noch Unausgesprochenes, Unverarbeitetes aus dem Dritten Reich klebt, das über Generationen hinweg nachwirkt. In dieser Hinsicht fand ich das Buch sehr aufschlussreich. (Erschienen bei Klett-Cotta.)

Heribert Prantl:
Trotz alledem! Europa muss man einfach lieben

Dieses Europa ist ein welthistorisches Friedensprojekt. Mit zunehmendem zeitlichem Abstand zum Zweiten Weltkrieg gilt es allerdings immer mehr Europäern nicht als Errungenschaft, sondern als Selbstverständlichkeit. Aber das Selbstverständliche ist nicht selbstverständlich; ein Blick vor die Tore Europas, ein Blick in den Nahen und Mittleren Osten, zeigt, wie wenig selbstverständlich ein unkriegerischer Kontinent ist.

Ein leidenschaftliches Plädoyer von Heribert Prantl für die Europäische Union als die größte Errungenschaft in der Geschichte dieses Kontinents. (Erschienen bei Suhrkamp.)

John Williams: Stoner
1956 erstmals gedruckt, dann lange vergessen, nach einer Neuausgabe 2006 ein Welterfolg. Und zwar zu recht. Ein großartiges Buch!
Protagonist William Stoner ist Sohn armer Bauern, wird zum Studium der Landwirtschaft auf eine Universität geschickt. Er entdeckt dort seine Liebe zur englischen Literatur, wechselt die Studienrichtung und arbeitet sich hoch zum Professor. Trotzdem bleibt sein Leben, bis auf eine kurze schöne Phase, glücklos: Seine Ehefrau giert unentwegt nach Rache (wofür, weiß man nicht), sorgt dafür, dass sich seine Tochter von ihm entfremdet. Und an der Universität wird er Opfer einer sinnlosen Fehde. Niemandem tut Stoner Böses, trotzdem meint es das Leben nicht gut mit ihm. Es tut furchtbar weh, lesend dabei zu sein. (Auf Deutsch erschienen bei dtv.)

Stefan Rahmstorf und Hans Joachim Schellnhuber:
Der Klimawandel

Ein grundlegendes Einführungsbuch, dank dem ich die Ursachen und Zusammenhänge des Klimawandels jetzt besser verstehe. Einmal dieses Buch zu lesen, hilft mehr als der ständige Konsum alarmistischer Medienhäppchen – und macht noch mehr Wut auf die Lobbyisten, die den “alternativen Fakt” streuen, der menschliche Einfluss auf das Klima sei weiterhin unbewiesen. (Erschienen in der großartigen Wissensreihe bei C.H. Beck.)

Juli Zeh: Treideln
“Treideln” ist Juli Zehs Buch zu ihren “Frankfurter Poetikvorlesungen” aus dem Jahr 2013. In Brief-(oder E-Mail-)Form beschreibt sie ihr Schreiben – und das auf so selbstironische, so amüsante und so kluge Weise, dass mir dieser Text an den drei Abenden, an denen ich ihn las, regelrecht ans Herz gewachsen ist. Die meisten Bücher gebe ich nach dem Lesen weg. Dieses nicht, es soll unbedingt bei mir bleiben. (Als Taschenbuch erschienen bei Btb.)

Heinz Strunk: Der goldene Handschuh
Die Hamburger Kaschemme “Zum goldenen Handschuh” hat 24 Stunden geöffnet, jeden Tag im Jahr. Eine Vorhölle, in der literweise “Fako” (Fanta-Korn, im Verhältnis 1:1) getrunken wird, in der manch einer wundgeriebene Schenkel hat “vom In-die-Hose-Pissen” und in der in den Siebziger Jahren der Frauenmörder Fritz Honka seine Opfer sucht.
Wie Heinz Strunk dieses Milieu und die Abstufungen verwahrlosender Alkoholräusche beschreibt, das liest am besten jeder selbst. (Erschienen bei Rowohlt.)

Volker Weidermann: Dichter treffen
Mit dem Untertitel “Begegnungen mit Autoren” sind in diesem Buch Portraits des Kulturjournalisten Volker Weidermann versammelt – von Arjouni bis Zaimoglu. Abends vorm Einschlafen ein Text; an besonders müden Tagen lag wenigstens das noch für mich drin. (Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch.)

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht
Die 70-jährige Witwe Addie macht ihrem Nachbarn Louis, der ebenfalls allein lebt, einen ungewöhnlichen Vorschlag: Ob er nicht ab und zu bei ihr übernachten möchte? Louis lässt sich darauf ein – und sie erzählen einander ihr Leben. Eine anrührende Geschichte, in sehr klarer, sehr einfacher Sprache geschrieben. Man kann also gut zum englischen Original greifen. In der Übersetzung wurde es mir manchmal gar zu simpel, in der Ursprungsfassung hätte mich das wahrscheinlich nicht gestört. (Auf Deutsch erschienen bei Diogenes.)

Wilhelm Genazino: Außer uns spricht niemand über uns
Wo “Wilhelm Genazino” draufsteht, da ist auch Wilhelm Genazino drin.
Der arbeitslose, nein: der beschäftigungslose Protagonist, ein Schauspieler ohne Engagement, der dann und wann ein paar Radiobeiträge einspricht, läuft durch die Straßen Frankfurts. Beobachtet. Schildert. Denkt über seine Beziehung zu Carola nach. Über sein Leben. Über den fortwährenden Wartezustand. Betäubt, lethargisch, beinahe depressiv.
Ein trauriges Buch, mit 155 Seiten recht dünn, und doch glaubt man hinterher, einen dicken Wälzer gelesen zu haben. Mein Lieblingssatz: “Der Mensch ist ein löchriges Netz, durch das alles, was er hat, wieder hindurchfällt. Auf diese Weise entsteht das Problem der ewigen Suche.” (Erschienen bei Hanser.)

Tim Parks:
Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen

Eine wunderbare Essaysammlung von Tim Parks, dessen Roman “Cleaver” ich schon sehr mochte. Parks lässt sich u.a. aus über den Literaturbetrieb, das Jagen nach Schreibpreisen, die Vormachtstellung US-amerikanischer Bücher, die Probleme beim Übersetzen und die Frage, ob man ein Buch zu Ende lesen muss (Spoiler: Man muss nicht.). Interessant fand ich nicht zuletzt seine Beobachtung, dass europäische Autorinnen und Autoren zunehmend auf Sprachspiele verzichten, ihre Texte immer weniger verorten und auf Lokalkolorit verzichten – wohl, um besser übersetzbar zu sein und ein breiteres Publikum erreichen zu können; auf Kosten der kulturellen Vielfalt. (Erschienen im Verlag Antje Kunstmann.)

Isabel Bogdan: Der Pfau
Große Empfehlung für alle, die nach entspannender und amüsanter Urlaubslektüre suchen: Durch einen Pfau, der auf alles einhackt, was blau ist und glänzt, gerät das Teambuilding-Wochenende einer Gruppe von Investmentbankern mächtig durcheinander.
Und: Endlich mal ein Foto im Schutzumschlag, auf dem die Autorin lacht! (Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch.)

Han Kang: Die Vegetarierin

Bevor meine Frau zur Vegetarierin wurde, hielt ich sie für nichts Besonderes. Bei unserer ersten Begegnung fand ich sie nicht einmal attraktiv. Mittelgroß, ein Topfschnitt, irgendwo zwischen kurz und lang, gelbliche unreine Haut, Schlupflider und dominante Wangenknochen. So fühlte ich mich weder von ihr angezogen noch abgestoßen und sah daher keinen Grund, sie nicht zu heiraten.

Es ist grauenhaft, wie dieser Ehemann über seine Frau spricht. Sofort lässt sich die Beklemmung dieser Ehe spüren. Und diese Beklemmung wird man auch das ganze Buch über nicht los, in dem aus drei Perspektiven (Ehemann, Schwager und Schwester) Yeong-Hye beschrieben wird, die plötzlich aufhört Fleisch zu essen und die Nahrungsaufnahme später ganz einstellt; sie will nur noch eine Pflanze sein.
Vielgerühmt und mit dem Booker International Prize ausgezeichnet, ist “Die Vegetarierin” ein sehr leises, trauriges Buch über gesellschaftliche Zwänge, patriarchale Strukturen und das Unverständnis, das jemandem entgegenschlägt, der – und sei es nur ganz für sich, ohne jemandem zu schaden – ausbrechen will. (Erschienen im Aufbau-Verlag.)

Matthias Jügler (Hg.): Wie wir leben wollen.
Texte für Solidarität und Freiheit.

So gut, dass es dieses Buch gibt! In diesem Band befassen sich mehrere Autorinnen und Autoren mit der Frage, was Heimat, Fremde und Identität bedeutet. In jeweils sehr unterschiedlichen Texten – mal literarisch, mal essayistisch, mal reportagenhaft, mal als geisteswissenschaftliche Abhandlung – beleuchten sie die Ängste Geflüchteter sowie die “besorgter Bürger”.
Aus meinem Exemplar lugen inzwischen lauter Klebezettel. Etwa zur Markierung von Seite 153, wo Roman Ehrlich den Begriff der “Rebellierenden Selbstunterwerfung” erläutert:

Er meint das Phänomen einer Ersatzhandlung, bei der vermeintliche Opfer sozialer Ausgrenzung und Vernachlässigung ihren Widerstand gegen eine an den Verhältnissen unbeteiligte dritte Partei richten. Da es sich hier um die Installation eines Sündenbocks handelt, der in Gestalt des Anderen und des Fremden bekämpft wird, findet logischerweise keine Veränderung der Zustände statt, sondern vielmehr eine Unterwerfung unter ihre Voraussetzung.

Am meisten lachen musste ich bei Saša Stanišics Beschreibung seiner Ankunft aus Bosnien in Heidelberg. Sprachlich sehr beeindruckt hat mich Heike Geißlers Text “Also”. Und richtig umgehauen hat mich der kürzeste Beitrag in diesem Band; er stammt von Heinz Helle. (Erschienen bei Suhrkamp.)

Maureen Jenkins: Lone Voyager
Daheim hätte ich das Buch nicht einmal aufgeschlagen – bei diesem Untertitel: “One Woman’s Journey of Self-Discovery”. Aber in einem Ferienhaus in Nova Scotia, wo sich ohnehin alles ums Meer drehte, da fand ich es dann doch ganz passend, den Erfahrungsbericht einer Frau zu lesen, die allein mit einem selbstgebauten Boot über den Atlantik segelte. (Erschienen im Verlag London Bridge, von dem ich noch nie gehört hatte.)

Naomi Epel: The Observation Deck. A Tool Kit for Writers
Wirklich ein fantastisches Fundstück in eben jenem Ferienhaus in Kanada. 50 Karten und dazu ein Anleitungsbuch, die als Ausgangspunkt dienen können, wenn man das nächste Mal einsam in seinem Kämmerlein hockt, schreiben will, aber nicht kann.
Die Karten stellen Aufgaben, das Büchlein vertieft diese und gibt Anekdoten von Schriftstellern wieder. Bin ich doch eigentlich kein Fan von Schreib-Handbüchern, so glaube ich, dass dieses “Tool Kit” wirklich nützlich ist. Die Aufgaben – “Study Opening Lines” oder “Switch Instruments” zum Beispiel – scheinen zunächst banal, aber dank der ausgefeilten Anleitung könnten sie durchaus helfen, zu einem Text zu kommen. So fand ich auch den Ratschlag überzeugend, für eine konkrete, ausgewählte Person (“Dedicate!”) zu schreiben; das schafft einen anderen Ton und mehr Klarheit. Und ein Zitat des Dramatikers Neil Simon habe ich mir herausgeschrieben: “You can never say to yourself, ‘I think there’s a problem here but maybe I’m wrong. Maybe they’ll like it.’ They won’t. They barely like it when you think it’s wonderful, so what chance do you have when you try to slip something in that even you have doubts about?” (Erschienen bei Chronicle Books.)

Arno Camenisch: Die Launen des Tages
Ein Band mit Kurzgeschichten übers Reisen und über Frauenbegegnungen, flüchtige. Schnell zu lesen, nett zu lesen. (Erschienen im Engeler-Verlag.)

Markus Albers: Digitale Erschöpfung.
Wie wir die Kontrolle über unser Leben wiedergewinnen

Gelesen zur Vorbereitung auf ein Interview mit Markus Albers, bei dem er mir auf die Frage, wie oft er seine Mails checkt, eine ganz wunderbare Antwort lieferte: “Viel zu oft, ich bekenne mich schuldig. Sobald ich eine neue Nachricht bekomme, schaue ich eigentlich immer rein. Ich finde es unfassbar schwierig, dieses Verhalten abzustellen. Dabei sollte man Emails wirklich am Stück bearbeiten. Wir waschen schließlich auch nicht jede dreckige Socke einzeln.” (Erschienen bei Hanser.)

Leïla Slimani: Dann schlaf auch du
Ein Psychodrama, bei dem ich froh war, den Ausgang von Anfang an zu kennen.
Die Nanny Louise ermordet zwei kleine Kinder (Seite eins). Nun wird aufgerollt, wie es zu dieser Tragödie kam: Wie einsam Louises Kindheit war. Wie lieblos ihre Ehe. Wie sehr sie darunter litt, nie richtig zu den Familien zu gehören, die sie umsorgte. Wie sie an der Erziehung ihrer eigenen Tochter scheiterte, während sie für die ihr anvertrauten Kinder immer alles tat. Wie degradiert sie sich fühlte in der starren französischen Klassengesellschaft (über die in letzter Zeit auffallend viel geschrieben wird). Und dass sie hohe Schulden hatte.
Trotz dieser Herleitungen lässt Slimani viele Leerstellen. Genau die machen das Buch so gut. Die “Nounou” bleibt ein Rätsel. Und auch das Verhalten des Ehepaars, Myriam und Paul, das sich, gefangen in seinem Hamsterrad aus Arbeit und Alltag, nicht von Louise trennte, selbst dann nicht, als sich die Zeichen ihrer psychischen Labilität mehrten. (Auf Deutsch erschienen bei Luchterhand.)

Andreas Izquierdo: Das Glücksbüro
Albert Glück arbeitet im Amt für Verwaltungsangelegenheiten. Und er wohnt auch dort. Von allen unbemerkt, hat er im Keller einen kleinen Raum bezogen und verbringt zufrieden seine Tage im immer gleichen Rhythmus – bis auf seinem Schreibtisch ein Antrag landet, der nichts beantragt. Das bringt ihn völlig durcheinander. Und die zugehörige Antragstellerin erst!
An einem Abend gelesen. Eine Rom Com in Buchform. Verwendbar: als so solide wie leichte Ferienlektüre. (Erschienen bei Dumont.)

Navid Kermani: Ayda, Bär und Hase


Eigentlich führe ich in dieser Liste nicht die Kinderbücher an, die ich nebenher vorlese. Aber bei diesem muss ich eine Ausnahme machen. “Ayda, Bär und Hase” ist ein so wunderbares Buch. Sofort ist mir die fünfjährige Ayda ans Herz gewachsen, die sich einsam fühlt, dann aber auf einen Bären und einen Hasen trifft und mit ihnen lernt, was Freundschaften sind. Empfohlen ab fünf. Und von da an für alle. (Erschienen bei Hanser.)

Mareike Krügel: Sieh mich an
Vierundzwanzig Stunden im Leben einer Frau, die ein “Etwas” in ihrer Brust ertastet hat. 24 Stunden im Leben einer Mutter, die versucht, ihren Alltag dennoch durchzuziehen – was nicht gelingen kann, wenn der Sohn seine erste Freundin nach Hause bringt, der Nachbar beim Gärtnern einen Daumen verliert, bei der an ADHS-leidenden Tochter die Periode einsetzt, der Wäschetrockner brennt und der Ehemann im Familienleben alles andere als Präsenz zeigt.
Von einem Einfall zum nächsten rennt dieser Roman. Die Atemlosigkeit der Ich-Erzählerin lässt sich dadurch mitfühlen. Tragik und Komik finden eine gute Balance, dennoch waren es mir am Ende dann doch zu viele Ideen, die in diesen Text gestopft wurden. (Erschienen bei Piper.)

Lana Lux: Kukolka
Ein großartiges Buch. Ein unfassbar trauriges Buch. Ich habe das Lesen fast nicht ausgehalten. Diese trockene Stimme des ukrainischen Mädchens Samira, das zunächst im Heim aufwächst, dann in eine Bettlerbande gerät und schließlich als Prostituierte in Deutschland landet, dem Land ihrer Träume.
“Kukolka” ist Lana Lux’ Debütroman. Gleich zu Anfang ein dermaßen gutes, spannendes Buch hinzulegen – Respekt! Und große Leseempfehlung! (Erschienen im Aufbau-Verlag.)

Julian Barnes: Der Lärm der Zeit
Ein Künstler in einer Diktatur. Dmitri Schostakowitsch, nachts mit gepacktem Koffer darauf wartend, dass er von Stalins Schergen abgeholt wird. Er will seiner Familie die Verhaftungsszene ersparen; deshalb verbringt er die Nächte vorm Fahrstuhl.
Julian Barnes zeichnet in “Der Lärm der Zeit” das Leben des Komponisten nach. Beinahe ein Psychokrimi, der zeigt, wie Schostakowitsch versucht, sich durch die Parteivorgaben zu lavieren, ohne sich dabei selbst zu verraten. Es gelingt ihm kaum. Wie auch – in Todesangst? (Auf deutsch erschienen bei Kiepenheuer & Witsch.)

Kazuo Ishiguro: Was vom Tage übrigblieb
Im Jahr 1956 begibt sich der Butler Stevens auf eine mehrtätige Reise durch England. Dabei blickt er auf sein Leben im Dienste Lord Darlingtons zurück. Sämtliche Zweifel an dessen Unfehlbarkeit versucht er zu unterdrücken. Und auch die Liebe zur Haushälterin Miss Kenton gesteht Stevens sich nicht ein. Er führt einen inneren Kampf um seine Würde, was für ihn bedeutet: nie das Gesicht verlieren. Macht Lust, “Downton Abbey” zu schauen. (Auf Deutsch erschienen bei Blessing.)

Außerdem gelesen: Alle Ausgaben von NZZ-Folio (mein Favorit dieses Jahr: das August-Heft über Bibliotheken), alle Ausgaben der tollen Kinderzeitschrift Gecko und einige Ausgaben von NZZ-Geschichte.

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