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Dieses Jahr habe ich deutlich mehr Bücher als sonst angefangen und dann wieder weggelegt. Vergleichsweise wenigen konnte ich mich ausdauernd hingeben oder mich von ihnen in den Bann ziehen lassen. Mich zerstreut die politische Lage doch gerade sehr, diese Weltuntergangsstimmung, diese derbe Unvernunft, die mir Angst macht um unsere freie, offene Gesellschaft. Aber ich schweife ab. Also: 2016 vieles wieder beiseite gelegt, aber dennoch auf tolle, bereichernde Werke gestoßen. Allen voran auf jene M. Blechers und auf die (literarischen) Sachbücher “Rückkehr nach Reims” (Didier Eribon) und “Unorthodox” von Deborah Feldman.

Hier die Liste:
Katrin Seddig: Eine Nacht und alles
Irene ist Anfang vierzig und stolpert, kurz nachdem ihre Tochter von zu Hause ausgezogen ist, in eine Affäre. Gleichzeitig lernt sie die junge und traurige Yasemine kennen, die sich als Ersatztochter geradezu anbietet. Und dann taucht auch noch ein Jugendfreund auf, mit dem sie eine grausame Erinnerung teilt. Plötzlich gerät für Irene alles aus den Fugen; sie taumelt zwischen altem und neuem Leben. Vor allem aber ist sie: nie zufrieden. Das hat mich als Leserin manchmal zu dem Gedanken “Jetzt reiß dich doch mal zusammen” verleitet, und gleichzeitig konnte ich diese Grundhaltung sehr gut nachvollziehen. Ein wirklich schönes Buch (auch wenn es mir der Adjektive und Wetterbeschreibungen manchmal zu viele waren), das mir Lust gemacht hat, mehr von Katrin Seddig zu lesen. (Erschienen bei Rowohlt.)

M. Blecher: Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit
Wahrscheinlich lautete sein Vorname Max. Was man genauer weiß: Der Rumäne, der 1938 an Knochentuberkulose starb und nicht einmal 30 Jahre alt wurde, hatte ein unglaubliches schriftstellerisches Talent. Ich hatte bislang noch nie von ihm gehört – umso froher bin ich, dass ich in diesem Jahr auf Blechers Werk gestoßen bin.
“Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit” ist ein Entwicklungsroman über einen Jugendlichen. Und wenn jemand ein Beispiel für bildhafte Sprache sucht, dann wird er in diesem Buch fündig. Ob Blecher nun den Klang einer einzelnen Flöte als “metallenen Faden” beschreibt oder das Fieberthermometer, das “wie eine dünne Eidechse unter die Achsel” gleitet, oder die weichen Teppiche, die “alle vereinsamten Echos der Etage zum Verstummen brachten” – ich finde diese Sprache, diese Bilder über die Maßen beeindruckend. Hätte ich nichts über Blecher gewusst, ich wäre davon ausgegangen, der Text stamme von einem deutlich älteren Autor, nicht aber von einem, der damals 27 war. Große Leseempfehlung! (Erschienen bei Suhrkamp.)

M. Blecher: Vernarbte Herzen
“Vernarbte Herzen” erzählt die Geschichte des Chemie-Studenten Emanuel, der an Knochentuberkulose erkrankt und ein Jahr lang in einem französischen Sanatorium am Atlantik Heilung sucht. Sein Oberkörper ist eingegipst; er verbringt diese Zeit liegend, wie die meisten anderen Sanatoriums-Patienten auch. Der Roman ist stark autobiographisch geprägt, was durch die Genauigkeit der Beschreibung kaum verborgen bleibt.
Habe ich “Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit” eher als einen Gedankenstrom gelesen, so ist “Vernarbte Herzen” vielmehr ein klassisch gebauter Roman mit geschlossener Handlung. Auch dieses M.-Blecher-Buch hat mich wieder sehr in seinen Bann gezogen. (Erschienen bei Suhrkamp.)

M. Blecher: Beleuchtete Höhle
“Beleuchtete Höhle”, ausgewiesen als “Sanatoriumstagebuch”, besteht aus Erinnerungsfragmenten Blechers. Erinnerungen an Begebenheiten, während seiner Krankenhausaufenthalte, an seine Kindheit, an das Verschwimmen von Traum und Wirklichkeit, das er immer wieder bei sich beobachtete. Abgerundet wird der Band mit einer kurzen Biographie, in der sein Übersetzer Ernest Wichner alles zusammengetragen hat, was er über M. Blecher herausfinden konnte. (Erschienen bei Suhrkamp.)

Arno Camenisch: Die Kur
Schuld ist ein Tombola-Gewinn: Ein älteres Ehepaar verschlägt es in ein nobles Fünf-Stern-Hotel ins Engadin. Während er fortwährend motzt und seine eigenen Würste dabei hat, blüht sie noch einmal so richtig auf, trägt eine Blume im Haar und will tanzen. In 47 kurzen Episoden begleitet Arno Camenisch die Beiden. Ihre Dialoge, meist von den Todesursachen ihrer Bekannten geprägt, sind anrührend, witzig, manchmal grotesk. Ein sehr schönes, mit beeindruckender Stilfestigkeit geschriebenes Buch. (Erschienen im Engeler-Verlag.)

J.M. Coetzee: Schande
David Lurie, Literaturprofessor und zweimal geschieden, muss nach einer Affäre mit einer Studentin seinen Dienst quittieren. Er verlässt Kapstadt, um sich für eine Weile zu seiner Tochter aufs Land zurückzuziehen. Dort werden Vater und Tochter Opfer eines brutalen Überfalls.
Viele, wirklich große Themen greift Coetzee in dem Buch auf: Südafrikas Apartheid-Vergangenheit etwa, die Frauenbewegung, Tierrechte, das Altern. Es ist ein langer Bogen, den er spannt, und an keiner Stelle hatte ich das Gefühl, der Autor hätte sich übernommen oder zu viel hineingepackt. Auch der trockene, nüchterne Stil hat mir gefallen. Zudem ist Coetzee das Kunstwerk geglückt, einen lesbaren Text im Präsens zu schreiben. Ich fand den Roman auch von Anfang bis Ende spannend. Trotzdem hat er mich nicht ganz überzeugt, ohne dass ich genau wüsste, warum. Irritiert hat mich bisweilen die schwankende Perspektive zwischen personalem und einem für meinen Geschmack zu übergriffigen auktorialen Erzähler. Vielleicht bin ich aber auch einfach mit zu großer Erwartung (“So, jetzt lese ich mal den Nobelpreisträger Coetzee.”) ans Lesen gegangen. (Erschienen im S. Fischer Verlag.)

Volker Perthes:
Das Ende des Nahen Ostens, wie wir ihn kennen

Der Nahe Osten ist völlig durcheinander geraten. Dieses Buch hat mir sehr geholfen, die Ursachen der diversen Konfliktherde zu verstehen. Tagesaktuelle Nachrichten aus der Region kann ich nun besser einordnen, zumal ich mich mit dem Nahen Osten bislang nie eingehend beschäftigt hatte. So ist mir vorher nicht klar gewesen: Dass die Grenzen im Nahen Osten keine natürlichen sind, sondern nach dem Ende des Ersten Weltkrieges von Großbritannien und Frankreich künstlich gezogen wurden. Mit welchen Mitteln Saudi-Arabien versucht, seinem Hegemonialanspruch durchzusetzen. Oder dass sich die verschiedenen Religionsgruppen und Ethnien über Ländergrenzen hinweg zusammentun, um an Einfluss zu gewinnen.
Sicher kein Buch, dass man mal eben wegliest. Die Probleme sind komplex, aber Volker Perthes gelingt es, ihre historischen Ursachen verständlich zu machen. Am Schluss gibt er auch Ratschläge, wie die europäische Politik agieren sollte, um die Konflikte in der Region zu befrieden. Nahezu sicher ist in seinen Augen, dass Syrien und der Irak in seinen bisherigen Grenzen keinen Bestand mehr haben werden. (Erschienen bei Suhrkamp.)

Hans Bauer:
Knud Rasmussen – Ein Leben für die Eskimo

In einer Pension in Dresden gelesen, weil es dort herumstand und ich kurz vorher eine Fotoausstellung über die Polar-Inuit besucht hatte und ohnehin völlig fasziniert von diesem Leben im Extremen bin.
Diese Biographie des Polarforschers Knud Rasmussen ist 1965 in Leipzig erschienen und daher doch mit allerhand sozialistischen Sprenkeln versehen. Über den Charakter Rasmussens habe ich im Buch kaum etwas erfahren; mir erschienen seine Lebensstationen doch eher lieblos abgehandelt. Aber für einen Überblick über den Anfang der Forschungs- und Handelsstation in Thule (Grönland), über Rasmussens Expeditionsreisen, über die Kultur und Lebensweisen, die er “da oben” kennengelernt hat, war es mir dann doch sehr dienlich. Zum Autor Hans Bauer gab es im Buch leider keine Angaben. (Erschienen bei F.A. Brockhaus.)

Thilo Krause: Um die Dinge ganz zu lassen

Um die Dinge ganz zu lassen

- für die Lebenden, für die Toten -

Alle Abende ballten sich
in der Höhe Gewitter.
Wäsche leuchtete aus den Gärten.

Alle Abende saßen wir draußen
unsere Gesichter winzig
in den Rundungen der Gläser.

Auf der alten Schaukel am Baum berührte ich
mit den Fersen den Tag, mit den Zehen
die Nacht.

Allen, die sagen, sie könnten mit Lyrik nicht viel anfangen, lege ich diesen, mittlerweile mehrfach ausgezeichneten Gedichtband dringend ans Herz: “Um die Dinge ganz zu lassen” von Thilo Krause. Seine Gedichte sind eingängig, tief und schön, ohne gefällig zu sein. Und ich bin froh, ja dankbar, durch diesen Band wieder einen Zugang zur Lyrik bekommen zu haben. (Erschienen im Poetenladen.)

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit
Lange bei einem Buch nicht mehr so viel geheult, über Seiten hinweg geschluchzt. Es ist die Lebensgeschichte von Jules, der seine Eltern als Kind verloren hat und in einem Internat groß wird. Sein Bruder und seine Schwester kommen auf dasselbe Internat, aber die drei Geschwister verlieren sich mehr oder weniger aus den Augen und finden erst Jahre später wieder zueinander. Und so ist das Buch zum einen eine Familien-, zum anderen aber auch eine große Liebesgeschichte.
An einigen Stellen fand ich es ein bisschen zu dick aufgetragen, aber sehr viele habe ich mir angestrichen, weil sie voller kluger Gedanken stecken. In jedem Fall: eine Geschichte, die mich berührt hat. (Erschienen bei Diogenes.)

Navid Kermani: Einbruch der Wirklichkeit
Auf dem Flüchtlingstreck durch Europa

Es gibt Flugzeuge, die schneller als der Schall fliegen, und Schiffe, die wie Urlaubsstädte anmuten, es gibt Züge so bequem wie Wohnzimmer und Linienbusse mit Küche, Bad und Schlafsesseln, es gibt Taxis mit drahtlosem Internet und bald selbstfahrende Autos – aber im Jahr 2015 marschieren die Flüchtlinge durch Europa wie das Volk Israel nach der Flucht aus Ägypten.

Navid Kermani war im Herbst 2015 auf der “Balkanroute” unterwegs. Verarbeitet hat er diese Reise zu einer literarischen Reportage. Kermani schildert seine Eindrücke, seine Begegnungen, er prangert die europäische Asylpolitik an und die Vorstöße rechtskonservativer Parteien in ganz Europa, – anstatt geordnete Anlaufstellen zu bieten -, sämtliche Grenzen dichtzumachen, was das Flüchtlingschaos, das sie beenden wollen, nur verschlimmere und die Menschen auf immer neue, waghalsigere Strecken abdränge.
Kermani hat es, wie ich finde, geschafft, einen kühlen Blick zu bewahren. Er fährt in dieser Reportage nicht die Mitleidstour – und doch habe ich mich bei jeder Seite geschämt für das unverdiente Wohlstandsleben, das ich leben darf. (Erschienen bei C.H. Beck.)

Sehr empfehlenswert übrigens auch: Kermanis Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels.

Noëmi Lerch: Die Pürin
Noëmi Lerch, 1987 geboren, ist Absolventin des Schweizerischen Literaturinstituts. “Die Pürin” (Schweizer Mundart für “Bäuerin”) ist ihr erstes Buch. Ein wirklich beeindruckendes Debüt. Auch wenn gar nicht viel passiert: Aus der Ich-Perspektive schildert die Gehilfin der Pürin ihren Alltag in den Bergen; sie denkt an eine vergangene Liebe und an ihre Großeltern, in deren altem, zerfallendem Haus sie lebt, und sie sammelt die Lebensweisheiten der Dorfbewohner. Dabei bleibt alles im Vagen, ein fortwährendes Flirren liegt in der Luft. Und das macht dieses Buch so besonders: Noëmi Lerchs atmosphärischer Erzählstil. (Erschienen im Verlag Die Brotsuppe.)

Deborah Feldman: Unorthodox
Deborah Feldman, Jahrgang 1986, ist in der chassidischen Satmar-Gemeinde in New York aufgewachsen. Die Satmarer sehen im Holocaust eine von Gott verhängte Strafe. Um eine Wiederholung der Shoa zu vermeiden, führen sie ein abgeschirmtes Leben nach strengen Vorschriften – den strengsten Regeln einer ultraorthodoxen jüdischen Gruppe weltweit.
Deborah Feldman beschriebt in “Unorthodox” ihre Kindheit innerhalb dieser Gemeinde, wie sie die “weltlichen” Bücher, die sie las, immer verstecken musste, was sie anziehen musste, wie sie zwangsverheiratet wurde, wie sie das Sexualleben mit ihrem Ehemann quält, wie ihr Sohn auf die Welt kommt und wie sie schließlich entscheidet, aus dieser Welt auszubrechen, um ihrem Kind ein freieres Leben zu ermöglichen.
Das Buch wurde 2012 in den USA sofort ein Bestseller. Die Lobeshymnen überboten sich, und als ich das Buch nun in der deutschen Übersetzung las, konnte ich diesen Erfolg schon nach ein paar Seiten nachvollziehen: Es liest sich wie ein in Ich-Form geschriebener Roman, dessen beklemmende Wirkung dadurch verstärkt wird, dass man weiß, dass all dies wirklich passiert ist. Angetrieben wird er von der Spannung, wie sie es nun schafft, aus dieser repressiven Gemeinschaft auszubrechen.
Lange hat sich kein Verlag getraut, das Buch im deutschsprachigen Raum auf den Markt zu bringen. Zum Glück hat es nun der Secession-Verlag getan und das Buch aufwändig mit einem goldschimmerndem Einband versehen sowie einem hilfreichen Glossar am Ende. Dringende Leseempfehlung! (Erschienen im Secession-Verlag.)

Antoine Leiris: Meinen Hass bekommt ihr nicht
Ein unfassbar trauriges Buch. Am 13. November 2015 kam Antoine Leiris’ Frau Hélène im “Le Bataclan” in Paris ums Leben. Ihr gemeinsamer Sohn ist damals 17 Monate alt. Ein paar Tage nach den Anschlägen wandte Leiris sich via Facebook an die Attentäter; seine Botschaft: “Meinen Hass bekommt ihr nicht”. Nun ist daraus ein schmales Buch entstanden, in dem er über den Abend des Anschlags und die folgenden Tage schreibt. Mir ist schleierhaft, wie man in dieser Situation derart lebenskluge Gedanken haben kann, ich bin tief beeindruckt. (Erschienen bei Blanvalet.)

Anne Weber: Luft und Liebe
Eine überaus geschickte Erzählperspektive: Eine Schriftstellerin verwirft ihr Manuskript über eine gescheiterte Beziehung und versucht es stattdessen einmal in Ich-Form. Dieses Ich führt fortan Dialoge mit der Hauptfigur aus dem früheren Manuskript. Diesen doppelten Boden einzuziehen, das ist Anne Weber wirklich mehr als gelungen, sodass gar nicht der Plot im Vordergrund steht, sondern das auserzählte Ringen um die Perspektive. Hat mich sehr beeindruckt. Was ich dem Buch allerdings nicht verzeihen kann, ist “Silvester” mit y. (Erschienen bei S. Fischer.)

Richard Yates: Easter Parade
Die Schwestern Sarah und Emily Grimes wachsen als Kinder geschiedener Eltern in den USA der 1930er Jahre auf. Sie leiden unter der Rastlosigkeit der Mutter, den ständigen Umzügen und gehen schließlich als Erwachsene vollkommen unterschiedliche Wege. Und wie das bei Richard Yates so ist, schaut man den Figuren Szene um Szene beim Scheitern zu. Er ist so unbarmherzig mit seinen Figuren – und das liest sich so unglaublich gut. (Auf deutsch erschienen bei DVA.)

Emma Cline: The Girls
Ihr Debüt hatte Emma Cline, Jahrgang 1989, noch nicht einmal geschrieben, da hatte sie bereits einen Millionenvorschuss dafür bekommen und die Filmrechte verkauft. Nun ist “The Girls” fertig und auf dem Markt. Das Buch handelt von dem Mädchen Evie Boyd, das an eine Hippie-Sekte gerät und nur durch Zufall nicht in die Morde verwickelt sein wird, die einige Mitglieder später begehen.
Der Roman ist psychologisch detailliert ausgeklügelt, und es finden sich tolle Sätze darin. (“All die Zeit, die ich darauf verwendet hatte, mich vorzubereiten, die Artikel, die mich gelehrt hatten, dass das Leben eigentlich nur ein Wartezimmer war, bis einen jemand bemerkte – diese Zeit hatten die Jungs damit verbracht, sie selbst zu werden.”) Trotzdem hat mich “The Girls” nie richtig in den Bann gezogen. Auch die Unmengen von Sprachbildern, die Emma Cline verwendet, waren für mich nur selten stimmig mit meiner Assoziationswelt. Die Literaturkritikerin Julia Encke hat in der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” geschrieben: “Es gibt Romane, in denen alles so explizit gemacht und psychologisch so viel erklärt wird, dass gar kein Spielraum bleibt, keine Lücken, keine Abgründe, die man lesend füllen könnte. Emma Clines ‘The Girls’ ist so ein Roman.” Das bringt auf den Punkt, weshalb auch ich die sonst weitgehend grenzenlose Euphorie über dieses Buch nicht teilen kann. (Erschienen bei Hanser.)

Marie NDiaye: Ladivine
Malinka besucht ihre Mutter Ladivine Sylla einmal im Monat in Bordeaux, und zwar heimlich; ihr Mann und ihre Tochter sollen nie davon erfahren. Denn Malinka, die sich längst Clarisse nennt, schämt sich für ihre Mutter, die schwarz ist und nicht so weiß wie Malinka/Clarisse selbst. Schon als Kind hielt sie auf der Straße immer Abstand zu ihrer Mutter. Fragte jemand nach, behauptete sie, diese Frau sei ihre Dienerin.
“Ladivine” erzählt von dem Leid, den Malinkas/Clarisses Geheimniskrämerei über sie selbst wie über ihre Mutter, über ihre Tochter und ihren Ehemann bringt. Das Buch dringt tief in die Seele vor, in drängendem Ton mit vielen Wiederholungen und vielen Fragen. Stilistisch ein Meisterwerk, und auch sonst. Wie man psychologisch dermaßen in die Tiefe gehen kann, bleibt mir ein Rätsel, aber Marie NDiaye kann es. (Erschienen bei Suhrkamp.)

Lisa Owens: Not working
Claire ist Ende 20, hat ihren Marketing-Job gekündigt, weil sie das Gefühl hatte, nicht weiterzukommen, und versucht nun herauszufinden, was sie wirklich will. Aber das ist gar nicht so einfach, zumal wenn der eigene Freund gerade Karriere als Gehirnchirurg macht und überhaupt alle um einen herum genau ihre Bestimmung gefunden zu haben scheinen – oder zumindest nicht so viel darüber nachdenken wie Claire. Also ein Buch voller Selbstmitleid? Ja. Aber vor allem ist es ein großartiges, lustiges Buch. Es kommt kein bisschen larmoyant daher, vielmehr mit gnadenlosem britischem Humor, der mich mehrmals auflachen ließ, und haarscharfen Alltagsbeobachtungen voller Tiefgang. Die Dialoge gehen im Ping Pong hin und her, wie man das etwa von David Nicholls kennt, und die Unterteilung in kleine Episoden lockert zusätzlich auf. Ferienlektüre-Empfehlung. (Auf jeden Fall im englischen Original lesen! Erschienen bei Picador.)

Thomas Melle: Die Welt im Rücken
Der Schriftsteller Thomas Melle leidet an einer manischen Depression. Drei Manien, wovon eine fast anderthalb Jahre lang anhielt, hat er durchlitten, jeweils gefolgt von einer schweren Depression. Die Krankheit hat ihn ins soziale Abseits katapultiert. Und heute, wo er Medikamente nimmt, lebt er mit der Angst, die Manie könnte jederzeit wieder durchbrechen, ihm wieder Allmachtsphantasien bescheren, verstörende Ausraster, noch mehr Schulden, die nächsten Aufenthalte in der Psychiatrie.
“Die Welt im Rücken” hat mich sehr berührt und noch lange in mir nachgeklungen. Hochliterarisch geschrieben, gewährt es einem einen Einblick in die Seelenwelten psychisch Kranker, den man sonst nicht hat. Für Thomas Melle ist das Buch der Versuch, sich – unfiktionalisiert – von seiner Krankheit freizuschreiben. Und vielleicht, so seine Hoffnung, gelingt es ihm danach, wieder zum Erzählen zu finden. Es ist ihm sehr zu wünschen. (Erschienen bei Rowohlt.)

Lutz Seiler: Kruso
Ich habe es versucht, bin aber beim Lesen nach der Hälfte gescheitert. Die Magie, die in Lutz Seilers Sprache liegt, hat mich am Anfang weit fortgetragen, und hätte ich einen längeren Urlaub gehabt, hätte ich es vielleicht auch geschafft, den Roman zu Ende zu lesen. Aber nach den Ferien, zurück im Alltag, war meine Zerstreuung einfach zu groß. Ich habe das Buch nun trotzdem mit in diese Liste aufgenommen, weil es mich recht lange begleitet hat. (Erschienen bei Suhrkamp.)

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims
Nach dem Tod seines Vaters begann Didier Eribon, den Kontakt zu seiner Mutter wieder ein wenig aufzubauen. Lange hatte er geglaubt, ihm sei es gelungen, sein jetziges Leben als Soziologe, als homosexueller Intellektueller in Paris, von seiner Herkunft als Arbeiterkind in Reims vollständig abzukoppeln. Doch bei den Besuchen bei seiner Mutter merkte er: “Es tritt dann etwas ins Bewusstsein, wovon man sich gerne befreit geglaubt hätte, das aber unverkennbar die eigene Persönlichkeit strukturiert: das Unbehagen, zwei verschiedenen Welten anzugehören, die schier unvereinbar weit auseinanderliegen und doch in allem, was man ist, koexistieren.”
Anhand seines Werdegangs zeichnet Eribon die Klassenschranken innerhalb der französischen Gesellschaft nach und liefert eine wirklich aufschlussreiche, nachvollziehbare Analyse dafür, warum die einst linke Unterschicht inzwischen den Front National wählt. Für mich eines der wichtigsten Bücher in diesem Jahr, obwohl ich nicht jede Ansicht Eribons teile. Sehr gut übersetzt übrigens von Tobias Haberkorn. (Erschienen bei Suhrkamp.)

Lauren Groff: Licht und Zorn
In überbordender Metaphorik erzählt die US-amerikanische Schriftstellerin Lauren Groff die Geschichte einer Ehe, zunächst aus der Perspektive des Mannes Lotto, dann aus der der Ehefrau Mathilde, die Abgründe in sich verborgen hält, von denen Lotto nie eine Ahnung hatte.
Ich brauchte eine Weile, um mich hineinzulesen in Groffs Sprachstil. Auch die in Klammern eingeschobenen Kommentare fand ich zunächst etwas befremdlich. Nach einer Weile entwickelt die Geschichte aber ihren Sog und wird zum Schmöker. (Erschienen bei Hanser.)

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