BLOG

Im Dezember denke ich jedes Mal: Unglaublich, wie dieses Jahr wieder an mir vorbeigerauscht ist! Aber wenn ich mir dann meine “Gelesen”-Liste anschaue, die ich immer nebenher führe, merke ich, dass das Jahr doch nicht so kurz und rastlos war, wie es mir erscheint. Denn jedes Buch erinnert mich auch an die Phase, in der ich es gelesen habe: Erkältet auf dem Sofa, im Hotel in Konstanz, im Zelt am Rhein, im Urlaub in den Bergen, im Zug nach Bern, am Spielplatzrand. Ich führe leider kein Tagebuch, aber diese Bücher-Rückschau hilft mir, zumindest ein bisschen in Erinnerung zu behalten, was mich das Jahr über beschäftigt hat.
Also — meine Bücher 2015:

Joël Dicker: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert
Wer einen Schmöker sucht, den er in zwei Tagen weglesen kann, ist mit „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ bestens bedient. Spannend und humorvoll. Ein amerikanischer (Kriminal-)Roman, geschrieben von einem frankophonen Schweizer.
Das Buch hat auch ein paar Schwächen: Etwa die stumpfen Dialoge zwischen dem Schriftsteller Harry Quebert, in dessen Garten nach Jahrzehnten die Leiche seiner damals 15-jährigen Geliebten gefunden wird. Auch hatte das Korrektorat offenbar nicht so viel Zeit, wie es gebraucht hätte, weshalb sich dann Übersetzungsfehler wie „Mund-zu-Mund-Propaganda“ oder „Klient“ statt „Mandant“ darin finden. Das fand ich zwar schade, aber das schmälert meinen Respekt vor Joël Dicker nicht. Ein fesselndes Buch. Es ist mir unbegreiflich, wie man einen Plot so ausgeklügelt konstruieren kann. (Erschienen bei Piper.)

Herta Müller: Mein Vaterland war ein Apfelkern
„Mein Vaterland war ein Apfelkern“ ist das Resultat mehrerer Gespräche mit der Lektorin Angelika Klammer, die Herta Müller nachträglich „literarisiert“ hat. Das Buch erzählt von ihrer einsamen Dorfkindheit, von den verbotenen Gedanken, die sie beim Kühehüten hatte, von ihrem Weg zum Schreiben, von den Repressalien durch den rumänischen Geheimdienst, von ihrer Ausreise in die BRD und wie die Securitate-Verfolgung auch danach noch weiterging, von ihren Treffen mit Oskar Pastior, die Jahre später in der „Atemschaukel“ mündeten – und 2009 schließlich im Nobelpreis. Mal wirklich ein Happy End.

„Ich dachte (…), dass alle Atemzüge, die man tut, gezählt werden. Dass sie sich wie Glaskügelchen auf einer Schnur auffädeln und eine Kette bilden. Und wenn die Atemkette eine Länge hat, die vom Mund bis zum Friedhof reicht, dann stirbt man. Weil der Atem unsichtbar ist, kennt kein Mensch die Länge seiner Atemkette. Und darum weiß kein Mensch, weder von sich selbst noch vom anderen, wann er stirbt.“

Herta Müllers Sprachbildwelt hat mich schon immer fasziniert. Ihre Texte lodern, so auch dieses Buch. Mir tat es regelrecht weh, ihre Vergangenheit durchs Lesen ein bisschen mitzuleben. Die perfiden Aktionen der Securitate – es sind die reinsten Gruselgeschichten, ich konnte danach nicht einschlafen. Was dafür spricht, dieses Buch zu lesen! (Erschienen bei Hanser.)

Herta Müller:
Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel

Eine Sammlung von Herta Müllers Essays. Sie schreibt auch darin über ihr Großwerden auf dem Land, in dörflicher Enge, über die Verfolgung durch den rumänischen Geheimdienst und über ihre Gespräche mit Oskar Pastior. Zudem stellt sie rumänische Dichter vor, die sie sehr schätzt. Außerdem enthalten: Müllers Rede anlässlich der Verleihung des Literaturnobelpreises 2009. Dieses Buch war mir eine wunderbare Ergänzung zu „Mein Vaterland war ein Apfelkern“. (Erschienen bei Hanser.)

Herta Müller: Niederungen
„Niederungen“ ist der Erzählband, mit dem Herta Müller in Deutschland bekannt wurde. 1984 erschien er hier in einer gekürzten Ausgabe. Inzwischen liegt bei Hanser eine Neuausgabe vor, in der die einst gestrichenen Kapitel wieder eingefügt wurden. Die Erzählungen beschreiben die ländliche Enge im Leben der Banatschwaben im kommunistischen Rumänien.
Mit Sicherheit kein Buch, das man mal eben „wegliest“, weil es nicht von einer vorwärtsgetriebenen Handlung lebt, sondern von den atmosphärischen, eindringlichen, oft ins Phantastisch-Absurde laufenden Sprachbildern. Ein Beispiel:

„Ich wollte mich vom Stuhl erheben, aber mein Kleid war an dem Holz festgefroren. Mein Kleid war durchsichtig und schwarz. Wenn ich mich rührte, knirschte es. Ich saß darin wie in Glas gegossen.“

Patrick Modiano: Im Café der verlorenen Jugend
Danach ging’s weiter mit einem anderen Nobelpreisträger: Patrick Modiano, der in dem Roman „Im Café der verlorenen Jugend“ einem alten Paris nachweint und aus verschiedenen Erzählperspektiven versucht, sich der jungen Frau Louki zu nähern. Sie wird ein Rätsel bleiben, bis zum Schluss.
Ein atmosphärischer Roman, sehr schön zu lesen. Für meinen Geschmack hätten ein paar Straßennamen genannt werden müssen, aber für jene, die Paris sehr gut kennen, sind diese sicher eine Bereicherung. (Erschienen bei Hanser.)

(Anschließend bin ich „House of Cards“ verfallen und kam abendelang nicht mehr zum Lesen.)

Karen Köhler: Wir haben Raketen geangelt
Dieser Erzählband ist Karen Köhlers Debut, und ich reihe mich ein in den großen Reigen von Lobpreisenden. Nach mehreren positiven Rezensionen, die ich gelesen, und privaten Empfehlungen, die ich bekommen hatte, entschied ich mich, das Buch zu lesen – und wurde nicht enttäuscht. Karen Köhlers Geschichten führen ins Krankenhaus, in den Wald, an Bord eines Kreuzfahrtschiffs, ins Death Valley, nach Italien, in die Wildnis Sibiriens. Sie sind abgedreht, aber nicht zu, phantasiereich und frisch, melancholisch, originell aufgebaut und voller Wortwitz. Fazit: Sehr, sehr gerne gelesen. (Erschienen bei Hanser, klar.)

Juli Zeh: Nachts sind das Tiere
Ich schätze Juli Zeh sehr, weil sie unseren Zeitgeist aufgreift, gängige Argumentationen hinterfragt, warnt, Stellung bezieht – und klare Forderungen an die Politik stellt. “Nachts sind das Tiere” ist eine Sammlung von Zeh-Essays der letzten Jahre: In einigen geht es um Sicherheitsgesetze, die uns vor Terrorismus schützen sollen, aber die Freiheit rauben. In anderen um Gesundheits-Dogmen, Selbstquantifizierer und unsere Vorstellung von Glück. Besonders lesenswert finde ich jene Texte, in denen sie sich mit unserem Kommunikationszeitalter und den jüngsten Überwachungsskandalen befasst.

Technik fällt nicht vom Himmel. Sie kommt nicht über uns wie eine göttliche Strafe oder eine Naturgewalt. Wir erfinden uns die Technik, die wir gerade brauchen. Wenn mich eins ankotzt, dann ist es die weitverbreitete Kapitulationserklärung gegenüber ,technischem Fortschritt’ oder ,technischer Entwicklung’, die sich vor allem angesichts des Phänomens der systematischen Massenüberwachung allerorten vernehmen lässt. (…) Die haarsträubende Behauptung dahinter: ,Alles, was technisch möglich ist, wird sowieso irgendwie gemacht.’ Weil es also in Kürze möglich sein wird, die komplette Kommunikation sämtlicher Erdenbürger auf gewaltigen Servern zu speichern, und zwar ohne das Einverständnis dieser Bürger, muss das auch so kommen.

Nein, muss es eben nicht, stellt Juli Zeh in “Was wir wollen” klar, einer Rede, die sie 2013 auf der Netzkultur-Konferenz der Berliner Festspiele gehalten hat. Es sei nicht zu spät zu gestalten, denn: “Dieses Internet, dieses Kommunikationszeitalter gehört uns, und wir können damit machen, was – wir – wollen.” Wirklich ein lesenswerter Band, der einen fassungslos macht angesichts der fehlendenden politischen Strategie für unser digitales Zeitalter. (Erschienen bei Schöffling & Co.)

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt
Laut “New York Times” das weltweit am zweitmeisten verkaufte Buch im Jahr 2006. Ich wollte nun endlich einmal wissen, was es mit ihr auf sich hat – mit dieser Doppelbiographie von Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß.
Nach dem Lesen kann ich den Erfolg nachvollziehen: Das Buch ist wirklich unterhaltsam, weil die Charaktere dieser beiden Genies so auf die Spitze getrieben sind. Für meinen Geschmack dann auch zu sehr; so eindimensional können die Beiden nicht gewesen sein. Ändert aber nichts daran, dass man dieses Buch in einem Zug wegliest und es hinterher nicht bereut. Auf jeden Fall weckt es Lust, mehr über Humboldt und Gauß zu erfahren und Nicht-Fiktives über sie zu lesen. (Erschienen bei Rowohlt.)

Ralf Bönt: Die Entdeckung des Lichts
Dieses Buch im Anschluss an “Die Vermessung der Welt” zu lesen, bot sich wirklich an. Denn auch der Physiker Ralf Bönt hat sich an eine Doppelbiographie zweier Wissenschaftler gewagt. In “Die Entdeckung des Lichts” beschreibt er den Werdegang Michael Faradays: vom Sohn eines Schmieds ohne Schulbildung zu einem der bedeutendsten Experimentalphysiker der Welt. Jeder kennt heute den “Faradayschen Käfig”. Aber wie viel mehr – auch im praktischen Alltagsleben (etwa im Bereich der Elektroindustrie) – wir ihm zu verdanken haben, war mir nicht bewusst. Da habe ich aus dem Buch viel gelernt. Auch gelingt es Ralf Bönt, die damalige Zeit sehr atmosphärisch zu beschreiben. Man hört manchmal regelrecht die Pferdehufen auf den Pflasterstraßen Londons und riecht den Abwassergestank, der aus der Themse aufsteigt. Michael Faradays Lebensgeschichte ist eindrücklich beschrieben. Die akribische Recherche lässt sich aus jedem Satz herauslesen – was übrigens ein großer Unterschied ist zur “Vermessung der Welt”, die von einer sprachlichen Leichtigkeit durchzogen ist, dass es mir an einigen Stellen schon fast zu unterhaltsam wurde.
Im letzten Drittel des Buches nähert sich Ralf Bönt an Albert Einstein an und beschreibt, welche Gedanken der beiden Ausnahme-Wissenschaftler sich im Abstand eines Jahrhunderts trafen. In diesem (kurzen) Teil des Buches ist es mir als Physik-Laien dann allerdings nicht mehr in allen Abschnitten gelungen zu folgen. (Erschienen bei DuMont.)

Silvia Bovenschen: Älter werden. Notizen
Die Literaturwissenschaftlerin und Autorin Silvia Bovenschen, Jahrgang 1946, litt schon als junge Frau an Multipler Sklerose. Inzwischen ist sie auf einen Rollstuhl angewiesen. Einschränkungen, die viele als Alterserscheinungen erleben, traten bei ihr also schon deutlich früher auf. Ihre Gedanken zum Älterwerden hat sie in dem schmalen, 155 Seiten dünnen Band verarbeitet.
In ihren Notizen reflektiert sie u.a. ihre Kindheit, Erinnerungen an Verwandte, ihre Jugend, die 68er, an Glück oder an Wörter, die man heute kaum noch verwendet (“Mannequin”). Es ist ein wunderbares Buch! Bovenschen verfällt nie in einen bedauernden Ton; das macht ihre Gedanken trotz des ernsthaften Themas so angenehm lesbar. Eindrucksvoll etwa fand ich, wie sie beschreibt, ein neues Adressbuch anzufangen – etwas das auch ich vor nicht allzu langer Zeit gemacht habe. Dabei kam mir mehrmals die Überlegung, “Nimmst Du den oder die jetzt noch mit rüber?”, einfach weil der Kontakt schon lange abgerissen ist. Silvia Bovenschen stellte sich beim Übertragen der Adressen ein paarmal die gleiche Frage, nur aus einem anderen Grund: weil die Person inzwischen nicht mehr lebt. (Erschienen bei S. Fischer.)

Was wir wohl nicht wahrhaben wollen: Der Tod ist keine Erfahrung, sondern eine Widerfahrung, die nicht mehr zur Erfahrung werden kann.

Zadie Smith: Die Botschaft von Kambodscha
Nachdem ich dieses Interview mit Zadie Smith gelesen hatte (und damit so schöne Zitate wie: “Romane, die den Lesern diese Selbstzufriedenheit vermitteln, sind nicht sonderlich hilfreich, aber leider gibt es viele Romane, die genau dies tun. Aber hin und wieder gibt es einen Roman, der mich wachrüttelt, mir meine eigene Heuchelei bewusst macht und mich zwingt, der Wahrheit ins Auge zu sehen.”) bekam ich Lust, mal wieder ein Buch von ihr in die Hand zu nehmen. Am nächsten Tag schaute mich zufälligerweise “Die Botschaft von Kambodscha” vom Empfehlungsständer in der Bibliothek an: Ein Text über eine junge Frau, die als Flüchtling nach London kommt und dort als Haushälterin arbeitet. Es ist eine Kurzgeschichte. Und ich habe mir hinterher gewünscht, dass sie weitergeht, dass ich das ganze noch in längerer Romanform lesen kann. (Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch.)

Siri Hustvedt: Die zitternde Frau.
Eine Geschichte meiner Nerven

Das Buch erwies sich als wissenschaftlicher, als ich erwartet hatte, und ich dachte immer wieder: “Meine Güte, ist diese Frau gescheit.“ Ein Abriss über die Hirn- und Nervenforschung, über das Zusammenspiel von Körper und Geist. Ausgangspunkt von Siri Hustvedts Überlegungen: Während sie eine Gedenkrede auf ihren verstorbenen Vater hielt, befiel sie vom Hals abwärts ein unkontrollierbares Zittern. Trotzdem konnte sie normal weiterdenken und -sprechen. Eine Weile später wiederholte sich dieses Ereignis.
Im Buch versucht sie, dieses Phänomen zu ergründen. Sie schreibt über Erlebnisse und Kindheitserinnerungen, über psychisch Kranke, für die sie regelmäßig Schreibkurse gibt, und fasst wissenschaftliche Experimente zusammen. Ich konnte nicht jedem Fachbegriff (“dorsolateraler Präfrontalcortex”) zu hundert Prozent folgen; dafür habe ich mich zu wenig mit Psychologie oder Hirnforschung beschäftigt. Dennoch fand ich das Buch nie langatmig, sondern von vorne bis hinten lesenswert. Besonders fasziniert hat mich, mit welcher Symbolkraft manche Ticks, manche Träume und psychische Krankheiten beladen sind. Kleiner Spoiler: Hustvedt kann das Rätsel um ihr Zittern nicht endgültig lösen, aber sie erkennt das Zittern als Teil ihrer selbst an. (Erschienen bei Rowohlt.)

David Nicholls: Drei auf Reisen
Wenn mich jemand nach einem Schmöker für die Ferien fragt und dieser jemand eine Frau ist, dann werde ich in nächster Zeit immer “Drei auf Reisen” (Originaltitel: “Us”) empfehlen. Das Buch fällt ins Genre “intelligente Unterhaltung” – und löst alle damit aufkommenden Versprechen vollständig ein. Ich musste mehrmals laut loslachen beim Lesen.
Worum es geht: Nach 20 Jahren Ehe will sich Connie (freigeistige Künstlerin) von Douglas (ängstlicher Wissenschaftler) trennen. Zuvor unternehmen sie aber noch eine Grand Tour durch Europa, gemeinsam mit dem Sohn, der in seinen schwierigsten Pubertätsjahren steckt. Douglas, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird, will die Reise für alle zum besonderen Erlebnis machen. So verkrampft wie er ist, kann das aber nur schiefgehen. Dieser Mann kann einfach nicht aus seiner Haut (Einst hatte er die Lego-Steine seines Sohnes mit Leim zusammengeklebt, damit sie nicht immer überall herumliegen; ein Impuls, den ich sehr gut nachvollziehen kann.), und es ist herzzereißend, ihn bei seinen Versuchen zur Familienrettung zu begleiten. (Erschienen bei Kein & Aber.)

Flavio Steimann: Bajass
Das war dann wirkliches Kontrastprogramm zum vorangegangenen Buch. “Bajass” ist ein Krimi, aber irgendwie auch keiner. Denn man liest ihn nicht, um herauszufinden, wer denn nun der Mörder ist oder weil es die Spannungsbögen unmöglich machten, ihn beiseite zu legen – sondern wegen dieser unglaublich musikalischen Sprache. Beim Thuner Literaturfestival hatte ich die Gelegenheit, Flavio Steimann lesen zu hören. Von ihm selbst vorgetragen, entfaltet sich der Klang seiner Worte nochmal auf ganz besondere Weise. Als täten sich die Zeit, in der es spielt (zu Beginn des 20. Jahrhunderts), und die ländliche Schweiz direkt vor einem auf. Das Buch hat mich sehr beeindruckt. (Erschienen bei Edition Nautilus.)

Jan Philipp Reemtsma: Im Keller
Das Gute an Buchgeschenken ist, dass man so zu Büchern kommt, zu denen man von sich aus kaum gegriffen hätte. In “Im Keller” reflektiert Jan Philipp Reemtsma seine Geiselhaft in einem Kellerraum. 33 Tage ohne Tageslicht und angekettet. Nach der Zahlung von 30 Millionen Euro Lösegeld kam er wieder frei. Im Buch stilisiert sich Reemtsma mitnichten als Helden. Man bekommt aber Einblick in die Gefühlswelt eines Menschen, der der Willkür anderer vollkommen ausgeliefert ist. Der jeden einzelnen der wenigen Sätze, die er mit den Entführern wechselt, durch und durch analysiert, um sein Schicksal einschätzen zu können. Und der sogar da unten in diesem Keller bemerkt, dass er ab und an dem Stockholm-Syndrom anheim fällt. Wenn Reemtsma von sich während dieser Gefangenschaft schreibt, wechselt er immer in die dritte Person – weil ihm schon kurz darauf alles nicht mehr wirklich vorkommt. Auch bezeichnet er diese 33 Tage nicht als “Erfahrung“, weil eine Erfahrung irgend etwas mit seinem normalen Leben zu tun habe, sondern als “Erlebnis”, wohl aber im negativsten Sinne. (Erschienen bei Rowohlt.)
Hier noch ein Zitat, das den Moment des Überfalls auf ihn beschreibt:

Als er auf seine Haustür zuging, hörte er in den Rhododendren, die rechts neben dem Weg wuchsen, ein Rascheln. Es waren oft Tiere im Gebüsch, Mäuse, Vögel – und Katzen und Wiesel, die wußten, daß da Vögel oder Mäuse waren. Das Rascheln war zu laut. Er dachte sich: “Das ist lauter als eine Katze.” Der Gedanke war fix und fertig, wie gedruckt – als hätte er ihn in seinem Kopf vorgefunden und läse ihn nun ab: “Das ist lauter als eine Katze!”, und auch die Transformation in: “Das ist größer als eine Katze!” stand abrufbereit. Wäre er ein Wilder gewesen, die Wahrnehmung des Geräusches und die Konsequenz, ein Sprung zurück und sofortige Flucht, wären eins gewesen, ohne Umweg über einen ausformulierten Gedanken. So bleibt nur die Erinnerung an diesen seltsamen konsequenzlosen Satz, der sich in aller Ruhe in seinem Kopf zu Ende formulieren konnte: “Das ist größer als eine Katze!

Natalia Ginzburg: So ist es gewesen
Eine Frau hat ihren Mann getötet (“Ich habe ihm in die Augen geschossen.”) und rollt nun auf, wie es dazu kam. Wie sie sich selbst ins Gefängnis dieser Ehe mit Alberto begab. Natalia Ginzburg gilt als eine der bedeutendsten italienischen Autorinnen des 20. Jahrhunderts (1991 ist sie in Rom gestorben). Mit “È stato così” gelang ihr der Durchbruch, und nachdem ich es gelesen habe, wundert mich das auch nicht. Das Buch entwickelt durch den kühlen, unberührten Ton der Ich-Erzählerin einen unglaublichen Sog. (Erschienen bei Wagenbach.)

Katja Schönherr:
18! Was du darfst, was du musst, was du kannst

Musste ich aus gegebenen Anlass mal wieder aus dem Regal ziehen und habe mir mehrmals gedacht: Wäre schon toll, wenn ich alles, was da drinsteht, auch im Kopf hätte. Ich habe das Buch den Sommer über komplett überarbeitet, aktualisiert und erweitert. Im Januar kommt der Ratgeber, der jungen Erwachsenen erklärt, wo der Hase langläuft, in neuer Version auf dem Markt. (Erschienen bei Eichborn.)

Ferdinand von Schirach: Der Fall Collini
Im Urlaub in den Bergen in drei Stunden weggelesen. Ferdinand von Schirachs Stories (zusammengefasst in den Bänden “Schuld” und “Verbrechen”) hatten es mir aber deutlich mehr angetan. Die hiesige Konstellation “junger, unerfahrener gegen alten, reichen Medienstar-Anwalt” empfand ich als ein wenig plump. (Erschienen bei Piper.)

Ferdinand von Schirach: Tabu
Umso besser fand ich dann “Tabu” – mit komplexeren Charakteren, schönen Sprachbildern (die Hauptfigur Sebastian von Eschburg ist Synästhetiker), gelungener Dramaturgie und einigen humoristischen Szenen. Spannend und nicht zuletzt durch die Unterteilung in sehr kurze Kapitel wirklich angenehm zu lesen! Für alle Schirach-Fans: hier ein Gespräch Richard David Prechts mit ihm über “das Böse”. (Erschienen bei Piper.)

Karl Ove Knausgård: Sterben
Jetzt wollte ich auch endlich wissen, was es mit diesem Knausgård’schen Mammutwerk auf sich hat, das so viele Leute verschlingen. Über sechs Bände verteilt, gibt der norwegische Autor darin, literarisch nachbearbeitet, seine Autobiographie wieder. “Sterben“ ist der erste, und er beginnt großartig: “Für das Herz ist das Leben einfach: Es schlägt, solange es kann.“ Auf den folgenden knapp 600 Seiten sinniert Knausgård darüber, warum Tote heute, so schnell es geht, aus unserem Sichtfeld geschafft werden. Er denkt an seine Kindheit, seinen unberechenbaren, alkoholkranken Vater, seine ersten Liebesgeschichten, seine Studienzeit, den Tod des Vaters. Eine Rückblende legt sich über die nächste; es entsteht ein Sog beim Lesen, das ist wirklich beeindruckend. Trotzdem habe ich mich an einigen Stellen dabei ertappt, ungeduldig zu werden, weil ich mich, inmitten einer Rückblende, die schon wieder auf die nächste folgte, zurückwünschte in die jeweilige Rahmenhandlung, um deren Fortgang zu erfahren. Da wurden mir die Beschreibungen der Wolkenformationen oder irgendeines Kioskverkäufers mitunter zu lang. Ich kann mir dennoch gut vorstellen, weitere Bände zu lesen; es muss aber nicht sofort sein. (Erschienen bei Luchterhand.)

Eleonore Frey: Unterwegs nach Ochotsk
Eine Freundin sagte, “dieses Buch ist ja wirklich so schön, irgendwie verzaubert”. “Verzaubert” – das ist genau das richtige Wort, besser kann man es nicht ausdrücken. Was für ein stimmungsvoller, eigenwilliger, wunderbar rhythmischer Text.
Man begleitet die Protagonisten Robert (Autor des Werks “Unterwegs nach Ochotsk”, das die Verbindung zwischen den Figuren darstellt), die Buchhändlerin Sophie, deren Chef, den Arzt Otto und die verrückte Theres auf ihrer mentalen Reise in die Weite Sibiriens; ein Sehnsuchtsort: das Nichts. Es sind nur 124 Seiten – aber die haben es in sich. (Erschienen im Engeler-Verlag.)

Alice Munro: Der Traum meiner Mutter
Dieser Band versammelt vier Erzählungen von Alice Munro. Und es gelingt ihr immer wieder: Mit jeder Geschichte hat man das Gefühl, einen ganzen Roman gelesen zu haben. So viel Unausgesprochenes, Unerklärtes schwebt am Ende noch um einen herum. Munros Texte haben etwas Mystisch-Geheimnisvolles, gleichzeitig aber nichts Beängstigendes. (Erschienen bei S. Fischer.)

Oliver Sacks:
Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte

Oliver Sacks war Psychiater und Neurologe und hat, so ” Der Spiegel”, “die medizinische Fallstudie zur literarischen Kunstform erhoben”. Schon lange hatte ich eines seiner Bücher lesen wollen. Im Sommer dieses Jahres ist Sacks verstorben, trauriger Anlass, denn nachdem ich mehrere Nachrufe auf ihn gelesen hatte, habe ich mir dann endlich “Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte” gekauft, worin er einige seiner Patienten beschreibt. Und das auf wirklich einfühlsame, respektvolle Weise. Es ist faszinierend und gleichzeitig erschreckend, wie wenig es braucht, um ein völlig anderer Mensch zu werden. Um mit dem Klappentext zu zitieren: “Eine winzige Hirnverletzung, ein kleiner Tumult in der cerebralen Chemie, und Menschen geraten in eine andere Welt, in die Gesunde nicht vordringen.” Ein kleines Glossar am Schluss des Buches zur Erklärung der Fachbegriffe hätte ich mir noch gewünscht. (Erschienen bei Rowohlt.)

Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah
Eine Liebesgeschichte, die zwischen Ifemelu und Obinze in Nigeria, den USA und England spielt. Und zugleich ein Buch über Rassismus und über Klischees. Ifemelu geht in die USA, bloggt dort über ihre Erfahrungen als Schwarze. Obinze strandet als illegaler Einwanderer in London.
Der Roman hat mich nicht an allen Stellen überzeugt; es gab Momente, da hätte ich mir gewünscht, Adichie würde mir als Leserin etwas mehr Raum lassen, eine Szene selbst einzuordnen; zu oft hat sie mir im Nachgang gleich noch eine Erklärung liefert. Dennoch: Ich bin für zwei Tage in dem Buch versunken, ihre Beobachtungen sind scharfsinnig, oft amüsant (Als Ifemelu aus Amerika nach Nigeria zurückkehrt, sagt sie: “Ich bin jetzt jemand, der gelernt hat, freigelegte Holzbalken zu bewundern.”) und die Dialoge brillant und schonungslos. Sehr zu empfehlen. (Erschienen bei S. Fischer.)

Georges Simenon: Die Katze
75 Krimis rund um den Kommissar Maigret, daneben über 100 weitere Romane und 150 Erzählungen. Es gibt so viel, und trotzdem hatte ich bislang nichts aus dem umfangreichen Werk Georges Simenons gelesen. “Die Katze” nun hat mich wegen der Thematik interessiert: ein altes Ehepaar, das nicht mehr miteinander redet, nachdem sie (höchstwahrscheinlich) seine Katze getötet und er ihrem Papagei die Schwanzfedern ausgerissen hat. Fortan spielen sie ein hasserfülltes Spiel miteinander, beäugen sich in ihrem dunklen Haus, stellen sich kleine Fallen und hinterlassen sich perfide Botschaften per Zettel.
Simenon, heißt es, habe seine Bücher nie überarbeitet. An manchen Stellen, fand ich, hätte “Die Katze” davon profitieren können. Zum Beispiel wechselt er mitunter etwas unsauber die Perspektive. Das nur, wenn man herumkritteln will. Denn es ist in jedem Fall ein lesenswertes Buch, unterhaltsam bis traurig in seiner Groteske, klar geschrieben. (Erschienen bei Diogenes.)

Jonathan Franzen: Unschuld
Unglaublich, mit welchen Ideenreichtum Jonathan Franzen es einmal mehr geschafft hat, ein über 800 Seiten dickes Buch durchzukomponieren.
Mühe hatte ich mit zwei Dingen: Erstens mit den Kapiteln, in denen er die DDR und Ostberlin beschreibt; irgendwie habe ich ihm da Vieles nicht abgenommen, vermutlich weil nicht ausblenden konnte, dass die Sätze von einem Amerikaner stammen. Und zweitens mit Franzens Analogien zwischen Internet und Sozialismus. Ich schätze an ihm sehr, dass er sich an aktuelle Themen heranwagt, und ich finde, man reflektiert im Alltag viel zu wenig darüber, was das Internet mit uns macht. Davor sollten sich Intellektuelle nicht scheuen. Trotzdem wurde es mir mitunter zu krude. Aber — das ist Meckern auf allerhöchstem Niveau. Wie Franzen Gutes und Böses, Eigen- und Fremdwahrnehmung seiner Figuren vermengt und sie “durchpsychologisiert”, das ist wirklich: genial. (Erschienen bei Rowohlt.)

Das Ziel des Internets und der mit ihm verbundenen Technologien war es, die Menschheit von Aufgaben -etwas tun, etwas lernen, sich an etwas erinnern-, die dem Leben zuvor einen Sinn gegeben und es folglich ausgemacht hatten, zu ,befreien’. Es war, als bestünde die einzige Aufgabe, die noch einen Sinn hatte, in der Suchmaschinenoptimierung.

Gotthold Ephraim Lessing: Emilia Galotti
In meinem Literatur-Seminar hatte sich eine Diskussion über den Charakter Emilia Galottis entfacht, was ich zum Anlass nahm, meinen Reclam-Stapel durchzuschauen und das “Trauerspiel in fünf Aufzügen” noch einmal zu lesen. Ich hatte die Lektüre von damals im Deutsch-Leistungskurs als sehr schwere Kost in Erinnerung. Und die Handlung ist auch schwere Kost, ja, aber ich war überrascht, wie gut es sich lesen ließ. Faszinierend fand ich zudem die Parallelen, die ich zur gerade gelesenen “Unschuld” ziehen konnte. Denn Jonathan Franzens Hauptfigur Pip Tyler wird ebenso zum Spielball Anderer wie Emilia Galotti – allerdings mit weniger tragischem Ausgang. (Erschienen u.a. bei Reclam.)

Rocko Schamoni: Fünf Löcher im Himmel
Das Buch ist vieles: Eine Roadnovel, eine Coming-of-Age-Geschichte und gleichzeitig ein Remake von “Die Leiden des jungen Werther”. Was es, anders als man bei Rocko Schamoni zunächst erwarten könnte, nicht ist: eine Komödie.
Protagonist Paul steht vor dem Nichts. Sein Vermieter hat ihn aus der Wohnung geschmissen. Jetzt flüchtet sich Paul in die norddeutsche Weite, begeht Einbrüche und klaut. Sein Tagebuch erinnert ihn unterdessen an seine Jugendliebe. Der Text springt zwischen den Tagebuch-Einträgen aus Pauls Jugend und dem Geschehen im Jetzt, was von Anfang an für viel Dynamik sorgt. Mir raste Schamoni dann aber gar zu schnell durch den Plot, und die Charaktere blieben ein wenig flach. Sehr gelungen fand ich indes die Dialoge und den klaren Sprachstil. Selbst die Liebesszenen hat Schamoni, wie ich finde, ganz wunderbar und kitschfrei hinbekommen. (Erschienen bei Piper.)

Außerdem dieses Jahr gelesen
Alle Ausgaben von NZZ-Folio und SZ-Langstrecke. Wer noch nicht weiß, was er an Weihnachten verschenken (oder sich selbst wünschen) soll, dem kann ich ein Abo dieser Zeitschriften sehr ans Herz legen.

4 Kommentare

  1. Jens voss sagt:

    Schöne Liste. Kennst du Blauer Hibiskus von Adichie? Ist der schönere Roman. Und grandios ist Ake von Wole Soyinja. Afrikanische Autoren sind wirklich Hb jede Entdeckung wert.
    Hoffe es geht dir gut!
    Beste Grüße
    Jens

  2. thomas sagt:

    Danke für diese Liste – das hilft! :) Schöne Feiertage und bis bald mal hoffentlich!

  3. Dir auch Fröhliche Weihnachten, Thomas, und, ja, auf dass sich bald mal ein Wiedersehen ergibt!

  4. Wunderbar, danke für die Empfehlungen; die kommen gerade richtig. Denn nach “Americanah” habe ich mir tatsächlich vorgenommen, mehr Bücher afrikanischer Autorinnen und Autoren zu lesen. Ich wünsche Dir Fröhliche Weihnachten, lieber Jens, und alles Gute fürs Neue Jahr! Liebe Grüße ins Rheinland!

Antwort hinterlassen