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Ich habe das Gefühl, dieses Jahr ist an mir vorbeigerauscht, ohne dass ich es nur einmal hätte greifen können. Aber ich stecke ja auch mitten in der “Rush Hour des Lebens”. Nur während ich mir diese kleine Leseliste anschaue, erscheint mir 2014 dann doch plötzlich recht lang. Bei den ersten Büchern dieser Aufzählung kommt es mir vor, als hätte ich sie vor Jahren gelesen, nicht erst vor gut zwölf Monaten.

Seit Wochen liegt übrigens Thomas Manns “Der Zauberberg” auf meinem Nachttisch. Ich bin bald in der Mitte des 1000-Seiten-Wälzers angelangt und brauche jetzt mal etwas Abwechslung. Deshalb habe ich mir für die Weihnachtsfeiertage einen Titel vorgenommen, der sich wahrscheinlich rascher “weglesen” lässt, bevor ich mich 2015 wieder mit Hans Castorp und seiner Kamelhaardecke in die Liegekur begebe.

Das beste Buch, das ich 2014 in den Händen hielt, war übrigens Julie Otsukas “Wovon wir träumten”. Hier also meine diesjährige Lektüreliste:

Stefanie de Velasco: “Tigermilch”
Wie toll, wenn man es schafft, so ein Debüt hinzulegen! Dabei war das Experiment “Jugendroman mit Jugendsprache” ja durchaus riskant. Ich finde, es ist mehr als geglückt. Es geht um einen ereignisreichen Sommer im Leben der beiden 14-jährigen Berliner Mädchen Nini und Jameelah.


Das Buch steckt voller Detailbeobachtungen und amüsanter Sprachspiele; es hat mich an Vieles erinnert: an “Tschick”, an “Prinzessinnenbad”, stellenweise auch an “Feuchtgebiete”. Und als ich mir, kurz nachdem ich es ausgelesen hatte, auch noch “Ginger & Rosa” anschaute, war ich vollkommen drin im Coming-of-Age-Tunnel. Jedenfalls bin ich wirklich gespannt auf das, was als nächstes von Stefanie de Velasco kommt. (Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch.)

Haruki Murakami:
“Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki”

Was es dazu zu sagen gibt, hat mein einstiger RP-Kollege Philipp Holstein hier aufgeschrieben: “Murakamis Bücher sind die, die im Dunkeln leuchten.” Schöner kann man es kaum formulieren. Und selten war mir ein Protagonist so sympathisch wie der dieses Buches, Tsukuru Tazaki. (Erschienen bei DuMont.)

Julie Otsuka: “Wovon wir träumten”

Etwas, womit ich mich noch nie befasst hatte: Junge Japanerinnen, die Anfang des 20. Jahrhunderts ihre Heimat verlassen, um in Kalifornien japanische Einwanderer zu heiraten. Als sie ankommen, erkennen die meisten die ihnen versprochenen Männer nicht einmal: Auf den Fotos hatten sie besser ausgesehen und in ihren Briefen ein anderes Leben versprochen, als die Frauen letztendlich erwartete.
Das Buch ist durchgängig in Wir-Form geschrieben und fasst so zahlreiche Einzelschicksale zusammen. Es schildert die Überfahrt, das Erleben der Ankunft, die Arbeiten auf dem Feld oder im Haushalt, die Geburten und das Aufwachsen ihrer Kinder. Es endet mit der Internierung in sogenannten “Internment Camps” während des Zweiten Weltkriegs, als die immigrierten Japaner als Bedrohung im Inland betrachtet wurden.
Nicht nur dass sich mir durch dieses Buch ein bislang unbekanntes Thema erschlossen hat, “Wovon wir träumten” bedeutete für mich durch die erste Person Plural auch stilistisches Neuland. Diese Sprache fließt wunderschön dahin. Und aus jedem Satz ließe sich ein eigener Roman machen; so viel steckt auf diesen 157 Seiten. Übersetzt von Katja Scholtz – eine tolle Leistung, die zum Glück auch auf dem Cover gewürdigt wird. (Erschienen im Mare-Buchverlag.)

GEO Wissen:
“Mütter – Wie sie uns ein Leben lang prägen”

Ich lese selten solche Hefte, aber dieses hat mich wirklich interessiert. Vor allem zwei Artikel: “Die Perfektionismus-Falle: Weshalb Mütter nicht allen Anforderungen gerecht werden müssen” und “Typisch Junge? Typisch Mädchen? Über den Einfluss von Müttern auf das Verhalten ihrer Kinder”, illustriert mit schockierenden Fotos von rosa glitzernden Prinzessinnen-Kinderzimmern. Auf den letzten Seiten beschreiben noch ein paar Leute ihre Erfahrungen mit der eigenen Mutter. Resumé: Man kann’s nur falsch machen. (Erschienen bei G+J Wissen.)

Miriam Meckel:
“Brief an mein Leben. Erfahrungen mit einem Burnout”

Man möge sich dieses Modewort “Burnout” mal wegdenken und es – wie die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel es im Buch auch für sich tut, um damit klarzukommen – ersetzen durch “schwerer Erschöpfungszustand”. Schon klingt es weniger nach Hype und tatsächlich so, dass man sich etwas darunter vorstellen kann.
Meckel hat ihr Buch als eine Art Gedankenstrom konzipiert, aufgeschrieben während zweier Tage in einer Kurklinik, in der sie mit keinem Menschen sprechen oder anderweitig kommunizieren durfte. Und so liest es sich auch sehr flüssig – und hat in mir das Vorhaben bestärkt, nicht zum Opfer von Dauerreizen zu werden, Pausen einzulegen und wieder zu lernen, mehr Sachen, die ich erlebe, mit mir selbst auszumachen. Anstatt meine Gedanken einfach wegzusimsen. Ich will auch weiter darüber nachdenken, ob es für eine Gesellschaft sinnvoll sein kann, auf Dauer-Wachstum und steigendes Tempo zu setzen. Weiteres Lesevorhaben deshalb: Meinhard Miegels “Hybris. Die überforderte Gesellschaft”.
Zitat Meckel: “Wir erleben die bislang weitestgehende Individualisierung und Flexibilisierung des Einzelnen durch technologische Entwicklungen und die Multioptionsgesellschaft bei gleichzeitiger maximal möglicher Außensteuerung durch umfassende, kontinuierliche Anforderungen und Zwänge. Eine Freiheitsillusion.” (Erschienen im Rowohlt Verlag.)

Sarah Moss: “Schlaflos”
Auf einer kargen schottischen Insel versucht die Historikerin Anna, ein Buch zu schreiben. Was ihr dabei nicht hilft, sind: ihre beiden Kinder und ihr Ehemann, der es vorzieht, Papageientaucher zu zählen, statt Windeln zu wechseln. Mit bissigem Humor beschreibt Sarah Moss diese Situation und reflektiert dabei auf mehreren Ebenen die Themen Kindheit und Mutterschaft im Wandel der Zeit.
Was mir am Buch nicht gefiel: den Charakter von Annas Ehemann empfand ich als zu holzschnittartig angelegt. Warum dieser plötzlich einen Wandel vom ignoranten zum einsichtigen Vater vollzieht, der seinen Teil der Familienarbeit übernimmt, erschloss sich mir nicht. Auch einige Randfiguren waren mir etwas zu überzeichnet. Gerne gelesen habe ich das Buch dennoch. Denn es ist spannend (Anna macht im Garten einen rätselhaften Fund) und amüsant, diesem Alltag mit Keksen und Feuchttüchern beizuwohnen. Und: Das Buch traf mich in einer Phase, in der auch ich vor lauter Kleinkind nicht zum Schreiben kam. Es hat mich fast ein bisschen getröstet. (Erschienen im Mare-Buchverlag.)

Thomas Glavinic: “Das bin doch ich”
Thomas Glavinic heißt der Ich-Erzähler, wie der Autor also. Und wie sein Autor schreibt auch Thomas Glavinic Romane, hofft auf Geld und Ruhm oder zumindest einen Verlag, während einer seiner besten Freunde – Daniel Kehlmann – gerade mit “Die Vermessung der Welt” einen Bestseller-Erfolg feiert.
Glavinic hockt in der Kneipe, Kehlmann in Talkshows. Glavinic bemitleidet sich, Kehlmann schreibt unterdessen Artikel für die “New York Times”. Selten ist Larmoyanz so unterhaltsam. Wieso nur habe ich Glavinic, den Echten, erst jetzt entdeckt? (Erschienen bei Hanser.)

Thomas Glavinic: “Das Leben der Wünsche”
Jonas – untreuer Ehemann, liebevoller Vater und leidenschaftsloser Mitarbeiter einer Werbeagentur – trifft eine merkwürdige Gestalt, die ihm verspricht, dass all seine Wünsche wahr werden. Schlüsselsatz: “Es geht nicht darum, was Sie wollen, sondern darum, was Sie sich wünschen.” Und so gehen fortan sämtliche Wünsche Jonas’ in Erfüllung – selbst die, von denen er nicht weiß, die er für sich nie ausformuliert hat, die einfach in seinem Unterbewusstsein lauern: Seine Frau stirbt, ein schlendernder Fußgänger wird angefahren, die Stadt steht unter Wasser, sein kleinwüchsiger Sohn schießt in die Höhe. Während all dessen braut sich eine Art Endzeitstimmung zusammen, weil Jonas’ Erlebnisse absurder und absurder werden. Gleichzeitig wirkt die Sprache niemals bedrohlich, sondern immer eingängig, fast lapidar. Und darum lässt sich das Buch auch so verdammt gut lesen. Noch mehr Glavinic! (Erschienen bei Hanser.)

Peter Wittkamp:
“Die fünf schlechtesten Antworten auf ,Ich liebe dich!’”

Nette Lektüre für einen Freitagabend, an dem man einfach platt ist: Peter Wittkamps lustige Listen. Beispiel:

Mehr davon gibt’s im Blog Auslisten.de. (Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch.)

Thomas Glavinic: “Das größere Wunder”
Wow! Dagegen erscheinen die vorherigen Bücher Glavinic’ ja geradezu als Fingerübung. “Das größere Wunder” war mir eines der liebsten Bücher in diesem Jahr. Die Hauptfigur, die wieder Jonas heißt, unternimmt eine Expedition auf den Mount Everest. Das ist die eine Ebene des Buches. Die andere beschreibt Jonas’ Kindheit mit seinem behinderten Zwillingsbruder Mike, seinem Seelenverwandten Werner und dem Adoptivvater Picco, der den Dreien alles durchgehen lässt und sie in ihrem Drang nach Freiheit unterstützt. Es ist ein märchenhafter Roman – mitunter etwas kitschig, aber das störte mich nicht -, in dem man Jonas dabei begleitet, wie er Sinnloses tut, um den Sinn des Lebens zu ergründen: eine ganze Flasche Olivenöl trinken zum Beispiel. Oder eben den höchsten Berg der Welt besteigen.
Bei mir hat das Buch einen Nerv getroffen, weil mich das Thema “Höhenbergsteigen” schon lange fasziniert (ausgelöst durch Jon Krakauers “In eisige Höhen”) – nicht weil ich mir einbilde, oberhalb von 2000 Metern noch atmen zu können, sondern weil ich mich frage, was Menschen dazu treibt, sich diesen Unwägbarkeiten, dieser Kälte, dieser Übelkeit, diesen Anstrengungen freiwillig auszusetzen. (Erschienen bei Hanser.)

Bascha Mika: “Mutprobe.
Frauen und das höllische Spiel mit dem Älterwerden”

Seit ihrer Streitschrift “Die Feigheit der Frauen” bin ich froh, dass Bascha Mika ihre Gedanken zur Lage der Frauen laut sagt.
Im aktuellen Buch widmet sie sich den Frauen jenseits der 40, die sie ins gesellschaftliche Abseits gedrängt sieht. Wo Männer älter, reifer, attraktiver werden, werden Frauen alt gemacht. Sie fühlen sich oft unsichtbar, abgehängt von jüngeren Geschlechtsgenossinnen und sind nicht selten unzufrieden damit, ihr Leben den Bedürfnissen eines Mannes untergeordnet zu haben. Von retuschierten Zeitschriftenbildern verstört, eifern sie zudem Schönheitsidealen nach, die sie nie erreichen können. Und anstatt sich aus diesem diskriminierenden Kreislauf herauszukämpfen, spielen sie dieses “höllische Spiel” dann leider auch noch mit, klagt Mika, etwa indem sie sich gegenseitig mustern und sagen: “Mit den Beinen kann die sowas aber nicht mehr anziehen.”
Wenn auch in Teilen etwas redundant, hat mir das Buch geholfen, (vorerst) etwas entspannter mit dem Älterwerden umgehen und die Marketing-Mechanismen durchschauen zu können, die jede neue Falte zur Krankheit machen. Hier noch ein lesenswertes Interview zum Thema. (Erschienen bei C. Bertelsmann.)

Almut Schnerring, Sascha Verlan:
“Die Rosa-Hellblau-Falle.
Für eine Kindheit ohne Rollenklischees”

Ich habe es gerade erst wieder am Spielplatz gehört: “Die Mädchen sind einfach viel sozialer.” Es ging um: Anderthalbjährige. Mal abgesehen davon, dass ich es für Quatsch halte, jemandem dieses Alters einen solchen Charakterzug zuzuschreiben, habe ich in genau dieser Spielplatz-Situation auch ein Mädchen beobachtet, das große Freude daran hatte, anderen das wegzunehmen, was sie sich gerade genommen hatten.
Die Suche nach den vermeintlichen Unterschieden zwischen Jungen und Mädchen fängt so früh an – ich finde das bisweilen unerträglich. Diese Panik, die manche Eltern überfällt, wenn ein Junge mal zur Puppe greift, sich Nagellack auftragen oder die Glitzergummistiefel der Schwester anziehen will.
Almut Schnerring und Sascha Verlan sind bei mir also auf offene Ohren gestoßen mit ihrem Buch “Die Rosa-Hellblau-Falle”. Vom Titel des Buchs war ich zwar zunächst abgeschreckt (immer diese “Fallen”), aber nach drei Seiten dank des sachlichen Tons sehr überzeugt. Es hat mich mit allerhand Argumentationsrüstzeug ausgestattet hat, um beim nächsten Mal dazwischen gehen zu können, wenn ich wieder solchen Quatsch auf dem Spielplatz höre. Das Buch liefert sowohl Fakten als auch Alltagstipps: Was tun, wenn die “Rosa-Phase” kommt? Und was, wenn die Tochter nie mit Jungen spielt? Was kann die Kita anders machen?
Ich wünschte, alle Eltern, Erzieher/innen, Lehrer/innen würden es lesen. Und vor allem jene Marketeers, die kleinen Mädchen was von Wohlfühlzeremonien beim Haarekämmen erzählen (Screenshot dm).

Hier noch ein Zitat aus dem Schlusskapitel des Buchs, das im Verlag Antje Kunstmann erschienen ist:

“Väter, die sich um ihre Kinder kümmern, oder Jungen, die sich Freunden gegenüber fürsorglich zeigen, offenbaren nicht ihre weibliche Seite, sondern eine Facette ihrer selbst. Frauen, die sich für technische Abläufe interessieren, und Mädchen, die riskante Spiele lieben, haben keine männliche Ader, sondern sie gehen ihren persönlichen Interessen nach.”

Anne Wizorek: “Weil ein Aufschrei nicht reicht.
Für einen Feminismus von heute”

Nachdem sich #Aufschrei über Nacht zum Massenphänomen entwickelt hatte, ging bei Anne Wizorek eine Interview-Anfrage nach der nächsten ein. Sie hätte sie alle ablehnen und es dabei belassen können, über ihre Sexismus-Erfahrungen zu twittern. Aber sie hat das nicht getan. Stattdessen hat sie es gewagt, Position zu beziehen, ihr Gesicht zu zeigen. Und das obwohl sie wusste, wie viele Anfeindungen damit einhergehen würden. Für diesen Mut zolle ich ihr großen Respekt. Sie hält das Thema “Gleichberechtigung” seither in Gang, und der Begriff “Feminismus” ist endlich nicht mehr nur mit Alice Schwarzer verknüpft, von der sich keine Frau, die ich kenne, je vertreten gefühlt hat.

Im Herbst dieses Jahres ist nun Annes erstes Buch erschienen. In “Weil ein Aufschrei nicht reicht” beschreibt sie, an welchen Stellen es hakt in Sachen Gleichberechtigung und was wir auf dem Weg zu einer wirklich modernen Gesellschaft alle tun können. Tina Groll hat das Buch auf “Zeit-Online” rezensiert. Ich teile ihre Einschätzung voll und ganz. (Erschienen im S. Fischer Verlag.)

Ferdinand von Schirach: “Die Würde ist antastbar”
Ferdinand von Schirachs Erzählungsbände “Verbrechen” und “Schuld” gehören zu meinen Lieblingsbüchern. Deshalb haben mich auch seine Essays interessiert. “Die Würde ist antastbar” ist eine Sammlung seiner von ihm im “Spiegel” veröffentlichten Texte. Für mich die besten Essays im Band: gleich der erste, nämlich “Die Würde ist antastbar. Warum der Terrorismus über die Demokratie entscheidet”, sowie “Die Würde der Fürchterlichsten. Die Menschenrechtsklage des Kindermörders von Gäfgen”.
Schön, dass es mit von Schirach jemanden gibt, der scheinbar trockene juristische Fragen so zerlegen und in Worte fassen kann. Mich berühren seine Gedanken; wem das auch so geht, dem sei neben dem Buch auch dieses Interview aus dem “SZ-Magazin” empfohlen. (Erschienen bei Piper.)

Alice Munro: “Tricks.”
Acht Erzählungen, die mich sofort mitgerissen haben und mir das Gefühl gaben, trotz der wenigen Zeit, die ich zum Lesen haben, richtig abtauchen zu können. Unglaublich, wie jemand so verdichtet schreiben kann. Am bewegendsten fand ich die titelgebende Erzählung “Tricks”.
Diesem Lob auf dem Buchrücken gibt es nichts hinzuzufügen:
(Erschienen bei S. Fischer.)

Während der Feiertage noch hinzugekommen (Update vom 29. Dezember 2014):

André Müller:
“Sie sind ja wirklich eine verdammte Krähe!”

Der österreichische Journalist André Müller hat es mit seinen Interviews über die Jahre zu einiger Bekanntheit geschafft. “Sie sind ja wirklich eine verdammte Krähe!” (Das titelgebende Zitat stammt von Alice Schwarzer.) ist eine Sammlung seiner Gespräche, die mitunter Skandale auslösten und zu folgenreichen Geständnissen führten. Ob Leni Riefenstahl, Peter Handke, Salman Rushdie, Michel Houellebecq oder Elfriede Jelinek – Müller fragte sie so gnaden- wie distanzlos aus. Er scheute sich nicht, von Dolly Buster wissen zu wollen, ob es sie stört, dass sie von aller Welt für dumm gehalten wird, oder von Karl Lagerfeld, ob er onaniert. Besonders interessant ist es, seine Gesprächsführung zu analysieren. Müller, 2011 im Alter von 65 Jahren verstorben, muss sich wochenlang auf jedes Interview vorbereitet haben, um seine Interviewpartner dermaßen mit Widersprüchen in ihrer Biographie und ihren Aussagen konfrontieren zu können. Das ist absolut meisterhaft.
Was mich störte: Müller hatte einen Hang zur Lebensverachtung und versuchte kaum, sich zurückzunehmen. Fast scheint es, als habe er von jedem Gesprächspartner hören wollen, dass auch er wenig Lust am Leben findet. Müller suchte immerzu die Abgründe in der Seele seines Gegenübers, aber wenn dieses – wie etwa Hanna Schygulla – nun einmal Lust hat zu leben, wirkt es doch recht verkrampft, wie er immer weiter versucht, ihm doch noch etwas Pessimistisches zu entlocken, um seine eigene Weltsicht bestätigt zu wissen. (Erschienen bei LangenMüller.)

One Response

  1. Eva Rincke sagt:

    Ich bin Fan deiner Leseliste! Letztes Jahr hab ich dadurch das winter journal von Paul Auster entdeckt und war einfach begeistert! Dieses Jahr werde ich Galvinic ausprobieren müssen: freu mich schon drauf!

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